Im Schrank von Tereza Semotamová

„Auf dem Weg verfange ich mich in unsichtbaren Spinnennetzen von Elend und Trostlosigkeit und versinke in Schwermut. Nun ist es also erledigt, geschafft. Es gibt keinen Ausweg mehr. Heute erwartet mich meine erste Nacht im Schrank.“ (Seite 31)

Eine junge Frau lässt ihr Leben in Deutschland hinter sich und kehrt zurück in ihre tschechische Heimat. Hinter ihr liegen Ereignisse, von denen der Leser erst spät im Roman Details erfährt, die jedoch dazu geführt haben, dass sie den Boden unter den Füßen verloren hat, dass sie nicht mehr zurück in ihren Alltag, in ihre Gewohnheiten und Routinen findet.

Sie kommt zuerst bei ihrer Freundin Jana unter, doch bald merkt sie, dass sie Raum für sich und Abstand von anderen Menschen braucht, und so zieht sie kurzerhand in einen alten Schrank, den sie von ihrer Schwester übernimmt und den sie – heimlich und sichtgeschützt – in einer Hinterhofecke abstellt.

Im Schrank ist in ebenso eingängiger wie anspruchsvoller Sprache geschrieben und hat mich dadurch sofort für sich eingenommen. Obgleich die Geschehnisse um die junge Frau von Anfang an mysteriös und skurril sind, habe ich aufgrund des lebendigen Erzählstils und der überzeugenden Charakterisierung der Protagonistin von der ersten Seite an Zugang zu Tereza Semotamovás Debütroman gefunden.

Die ersten 50 Seiten fand ich schlichtweg grandios, doch dann schweifte die Autorin immer wieder ab, die Geschichte wurde für meinen Geschmack bisweilen etwas langatmig und recht kryptisch. Der Roman hat mich an dieser Stelle bisweilen frustriert, da ich nicht verstanden habe, was geschieht und warum es geschieht. Doch diese Frustration hat sich im weiteren Verlauf in eine Neugier gewandelt, ich wollte verstehen und habe deshalb durchgehalten. Und schließlich empfand ich die teils verworrenen, teils sprunghaften Schilderungen als authentische und überzeugende Reaktion der Protagonistin auf ihre Vergangenheit, was den Roman zu einer besonderen Lektüre macht, die den Leser beinahe mit in den Schrank und in das sich langsam auflösende Leben der Protagonistin nimmt.

Auch die Handlungen, die Gedanken und Gefühle der Protagonistin wirken durchweg nachvollziehbar, und als Leser zweifelt man bei der Lektüre an keiner Stelle daran, dass sich die Geschichte genauso hätte zutragen können, stellt sich nie die Frage, ob ein Leben im Schrank unrealistisch, der Plot möglicherweise zu konstruiert wäre.

Trotz einiger Kritikpunkte empfinde ich Im Schrank als hervorragend erzählte, beeindruckende und berührende Lektüre, an die ich sicherlich noch lange denken werde.

Tereza Semotamová: Im Schrank. Aus dem Tschechischen von Martina Lisa. Voland & Quist, 2019, 288 Seiten; 22 Euro.

Dieser Post ist Teil des Monatsthemas „Tschechien und Slowakei“ im Juli 2019.

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