Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin von Delphine de Vigan

„[…] an jenem Tag habe sie sich so verhalten, wie es sonst niemand aus dem Team gewagt hätte, und das sei gut so.“ (Seite 26)

Mathilde lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren drei Söhnen in Paris und arbeitet seit mehreren Jahren in einer Firma, in der sie Karriere gemacht hat und in der sie sehr geschätzt wird.

Mathildes Leben kippt jedoch von dem Moment an, als sie gegenüber ihrem Vorgesetzten Jacques auf ihrer Einschätzung beharrt – ein Verhalten, das man von ihr nicht kennt und das auch keiner ihrer Kollegen zeigt.

Nach diesem Vorfall zieht sich Jacques zurück, die jahrelang gute Arbeitsbeziehung zerbricht, und im Verlauf geht Jacques kontinuierlich einen Schritt weiter, um Mathilde das Leben zur Hölle zu machen: Er zieht sie von Arbeiten ab, kontrolliert sie, stellt sie in Frage, lässt sie auflaufen, quartiert sie ins unattraktivste Büro um, schikaniert sie.

Nach und nach verliert Mathilde ihre Selbstsicherheit, doch sie vertraut sich niemandem an, sie schweigt und erträgt in der Hoffnung, dass sich die Situation wieder zum Besseren verändert.

Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin ist bereits 2009 im französischen Original und 2010 in deutscher Übersetzung erschienen. Nun erschien bei DuMont die Taschenbuchausgabe.

Delphine de Vigan ist eine meiner Lieblingsautorinnen, und wie in den anderen Büchern, die ich von ihr gelesen habe, gelingt es ihr auch in Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin, den Leser vollends in die Geschichte zu ziehen und mit der Protagonistin mitzuleiden, sich komplett in sie einzudenken und einzufühlen.

Wie in allen ihren Büchern schafft es die Autorin, dass man sich als Leser problemlos mit der Protagonistin identifizieren kann. Dies gelingt natürlich umso mehr, je besser man eine solche Arbeitssituation selbst kennt, denn von de Vigan werden Gefühle extrem gut beschrieben und Dynamiken überzeugend herausgearbeitet.

Beim Lesen ist mir teilweise ganz schlecht geworden, weil ich selbst bereits in toxischen Umgebungen gearbeitet habe, zwar nicht im Ausmaß, wie Mathilde dies erlebt, aber dennoch hat der Roman viele Jahre zurückliegende Erinnerungen geweckt, die damals und auch beim Lesen sehr unangenehm waren.

Die von de Vigan beschriebene Dynamik empfinde ich als extrem authentisch und gelungen, wodurch das Buch viele Gefühle auslöst und sich durchweg fesselnd liest. Eines meiner Lieblingsbücher 2021.

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. DuMont Buchverlag, 2021, 256 Seiten; 12 Euro.

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