Ich bin Virginia Woolf von Pola Polanski

„Die Worte hingen herum wie zerrissenes Papier und wollten sich nicht zu Sätzen formen lassen.“ (Seite 16)

Inka Ziemer ist seit zehn Jahren für die Fächer Germanistik und Philosophie eingeschrieben, langweilt sich in den Vorlesungen jedoch fast zu Tode und verbringt ihre Tage und Nächte mit Alkohol, Cannabis und Virginia Woolfs Büchern.

Immer wieder versucht sie zu schreiben, denn sie ist davon überzeugt, die Reinkarnation der berühmten Schriftstellerin zu sein, sieht überall Parallelen. Doch sie schafft es nicht, die vielen Worte, die sie im Kopf hat, auf Papier zu bringen. Immer wieder reißen die Gedanken ab oder sie wird von äußeren Reizen abgelenkt.

Um die Schreibblockade los zu werden, beginnt sie schließlich eine Therapie.

Ich habe eine große Leidenschaft für die Schizophrenie, habe sehr viel darüber gelesen und bin immer auf der Suche nach neuer Lektüre zum Thema.

Hier ist der Funke leider nicht recht übergesprungen, auch wenn sich die Geschichte zu Beginn sehr interessant entwickelte und mich sehr neugierig auf den Roman gemacht hat.

Auf den ersten Seiten hatte ich durchaus das Gefühl, dass die Autorin sehr gelungene Einblicke in die Schizophrenie ermöglicht. So werden Symptome wie Wahn, Halluzinationen und formale Denkstörungen beschrieben, und die Protagonistin mutete tatsächlich wie eine Person mit Schizophrenie an.

Später empfand ich das nicht mehr so, ich habe dann emotional überhaupt nicht mehr mitgeschwungen, obwohl mir das bei Schilderungen über Schizophrenie immer sehr gut gelingt, und ich habe die Protagonistin nicht als an Schizophrenie erkrankt empfunden.

Auch den Schreibstil fand ich im Verlauf weniger ansprechend, oft zu hölzern, aber vor allem wenig stimmungsvoll, eher erklärend als erzählend.

Pola Polanski: Ich bin Virginia Woolf. Größenwahn Verlag, 2021, 200 Seiten; 13 Euro.

5 Gedanken zu „Ich bin Virginia Woolf von Pola Polanski“

  1. Hab das genau andersrum wargenommen. Die ersten Seiten wirkten schwach erzählt, ein zerfahrenes „Tell, don’t show“. Eine sehr grob gezeichnete Szene und Dialoge, die plakativ wirken, als stünde die Informationsvermittlung und nicht die Geschichte im Mittelpunkt. Beim weiterlesen wurde klar, dass das nicht an der Fähigkeit der Autorin lag, sondern den erschöpften Geistezustand der Erählerin abbildet. Später wird sehr viel „schöner“ uns konsistenter erzählt. Und wenn du mit Hinblick auf die ersten Seiten den stärksten Eindruck einer gelungenen Vermittlung von „Schizophrenie“ hattest, scheint mir der Aufbau auch gelungen, denn das sind ja die Seiten, auf denen der Zustand am fortgeschrittensten ist. Später im Buch ist die Erzählerin ja psychisch noch deutlich gesünder, erst zum Schluss wird zum Zusammenbruch und damit auch zum Zusammebruchs-Stil zurück gekehrt.

    (Ich setze „Schizophrenie“ in Anführungszeichen, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Diagnose im Buch überhaupt Verwendung findet oder nur in der Werbung.)

    1. Gerade diese Zerfahrenheit ist sehr authentisch und hat mir deshalb gut gefallen. Das Gefühl, das da beim Lesen aufkommt, nennt sich „Praecox-Gefühl“ – das subjektive Erleben eines Klinikers, dass das Gegenüber ein Betroffener mit Schizophrenie ist. Später ist dieses Gefühl bei mir verlorengegangen, was ich nicht so gelungen fand.

      Weil die Schizophrenie für gewöhnlich nicht schlagartig startet, sondern sich oft schon Jahre vor der ersten floriden Episode (in etwa das, was du „Zusammenbruch“ nennst) entwickelt, sollte man es auch in diesen Ausführungen spüren. Ich fand diesen Mittelteil im Buch zu explizit wiedergegeben und zu wenig fühl- und erlebbar.

      1. Schizophrenie wird wie gesagt (ich habe die Kindle-Ausgabe jetzt noch mal durchsucht) nie als Diagnose der Protagonistin erwähnt. Das Wort kommt 2x vor an Position 338 als die Protagonistin ein Buch zum Thema liest.
        Ich bin auch ganz dafür, dass sich der Gegenstand eines Textes in der sprachlichen und formalen Gestaltung niederschlagen sollte (mE ist das der einzige Weg, halbwegs fundiert über die „Gelungenheit“) eines Kunstwerks zu sprechen) und ich würde diesen Roman jetzt nicht unbedingt als ein Meisterwerk in der sprachlichen Gestaltung psychischer Krankheit bezeichnen. Aber man sollte mE in Rechung stellen, dass die „gleiche“ Krankheit, soweit man davon überhaupt sprechen kann, von unterschiedlichen Menschen sicher sehr unterschiedlich erlebt wird und dass der Roman seine Protagonistin nie „diagnostiziert“.

        1. In der Pressemitteilung spricht die Autorin deutlich von einer an Schizophrenie erkrankten Protagonistin, und auch die zu Beginn des Buches beschriebenen Phänomene sind zum Teil Erstrangssymptome der Schizophrenie.

          Natürlich wird jede psychische Störung von jedem Betroffenen anders erlebt. Trotzdem gibt es einen Konsens, wann eine Diagnose vergeben wird und wann nicht. Aber darum geht es hier und mir ja gar nicht, sondern darum, dass es im Verlauf keine überzeugende Beschreibung der Schizophrenie gibt, obwohl der Roman laut Autorin ein Roman über eine an Schizophrenie Erkrankte ist.

          1. Ich halte mich da tatsächlich an das, was im Roman gesagt wird und nicht an das, was in der Werbekampagne rund um das Buch noch so verlautbart wird. Im Buch wird eben gerade keine Diagnose vergeben, und wenn die Autorin erzählt, sie habe einen Roman „darüber“ schreiben wollen (was mE eh schon schwierig ist, man schreibt Abhandlungen oder Essays „über“ etwas, Romane „über“ etwas müssen eigtl in die Hose gehen), hat das für meine Beurteilung des Textes so viel Bedeutung wie was JKR zu Dumbledores Sexualität so alles einfällt.
            Aber selbst wenn man die Autorin beim Wort nimmt – es ist selbst dann die Frage, was man wie an wen am besten Vermittelt. Soll die Innenperspektive einer Erkrankten vermittelt werden? Das kann man eitl nur von einer Erzählung in der ersten Person erwarten? Soll jemand, der sich professionell damit beschäftigt, wie du, etwas präsentieren, das sich mit deiner Expertinnenperspektive deckt? Oder vll gerade dem unbedarften Leser ein diffuses Gefühl von Realitätsverlust/zerfluss? Der Text steht ja doch, trotz Fokus auf Inka, in der dritten Person, es ist also nicht zwingend, dass der psychische Zustand 1:1 auf die Erzählstimme durchschlägt. Gleichzeitig ist die Erzählstimme unzuverlässig, muss also nicht alle möglichen Symptome klinisch „richtig“ erfassen/vermitteln.

            Ich hätte mich an der Stelle der Autorin sicherlich zurückgehalten, davon zu sprechen, „worüber“ ich schreibe und den Text stehen lassen, wie er steht. Und ich will den Text auch nicht als herausragend verteidigen. Aber er ist doch recht ordentlich aufgebaut.

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