Herkunft von Saša Stanišić (Hörbuch)

„Es ist so: Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr. Solange es das Land noch gab, begriff ich mich als Jugoslawe. Wie meine Eltern, die aus einer serbischen (Vater) bzw. einer bosniakisch-muslimischen Familie stammten (Mutter). Ich war also ein Kind des Vielvölkerstaats, ich war Ertrag und Bekenntnis zweier einander zugeneigter Menschen, die dieser jugoslawische Melting Pot befreit hatte von den Zwängen unterschiedlicher Herkunft und Religion.“ (CD 1, Track 4)

Saša Stanišić erzählt in Herkunft von seiner Kindheit in Višegrad im östlichen Bosnien, vom Bosnienkrieg und der Flucht seiner Familie nach Deutschland, von der Schulzeit und seinem Studium in Heidelberg, von seinem Leben in Hamburg. Dabei beschreibt er seine alte Heimat Jugoslawien liebevoll und sehnsuchtsvoll, und auch von seinen Eltern und den Großeltern spricht Stanišić voller Zuneigung.

Die Schilderungen des Lebens im Vielvölkerstaat Jugoslawien, die Veränderungen durch die Unabhängigkeitserklärungen der einzelnen Republiken, das Ende des friedlichen Zusammenlebens von Bosniaken, Serben, Slowenen, Kroaten etc. sowie die Balkan-Kriege sind oft ebenso tragisch wie komisch, beim Lesen war ich oft amüsiert, aber genauso oft berührt und bewegt ob Stanišićs Erzählungen und seinen Beobachtungen.

Stanišić schreibt anspruchsvoll und virtuos, so wie ich es schon von seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert kenne. Es ist wirklich beeindruckend, wie Stanišić mit Sprache umgehen kann – nicht einmal unbedingt vor dem Hintergrund, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist, sondern generell, denn ich könnte spontan keinen anderen deutschen Autor nennen, der sich so eloquent ausdrückt, aber dennoch verständlich schreibt, flüssig erzählt, perfekt unterhält und so leichtfüßig eine Geschichte zum Besten gibt.

Stanišić gelingt es zudem, den Ereignissen einen besonderen Zauber einzuhauchen und sie dennoch vollkommen realistisch wirken zu lassen, so dass man beim Lesen und Hören ein wenig die Wirklichkeit verlässt und die Welt der Magie betritt, obwohl Stanišić von seinen eigenen Erlebnissen erzählt, die er jedoch ausschmückt, bisweilen übertreibt und mit magischen Elementen ausstattet.

Dass Herkunft von Stanišić selbst gelesen wird, ist ein besonderes Schmankerl, denn so bekommt das Hörbuch einen ganz eigenen Charme, zumal Stanišić sehr ausdrucksstark und eindringlich liest.

Herkunft ist eine tragikomische, berührende und kluge Geschichte über Sprache, Abschied, Neuanfang, Toleranz, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Freundschaft, Liebe und (natürlich!) über die Frage, wo wir herkommen und wie zufällige Begegnungen und Begebenheiten über den Verlauf unseres Lebens entscheiden.

Mir hat Herkunft sogar noch besser als Wie der Soldat das Grammofon repariert gefallen, und nun freue ich mich darauf, die anderen Bücher von Stanišić zu entdecken.

Saša Stanišić: Herkunft. Gekürzte Lesung von Saša Stanišić. der Hörverlag, 2019; 22 Euro.

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