Good Home von T.C. Boyle

„Ich weiß nicht, warum ich diese Geschichte erzähle. Vielleicht weil das, was mit Gerard geschehen ist, wohl mit jedem von uns geschehen könnte, besonders wenn wir und unsere Partner älter werden und wir zunehmend die Orientierung verlieren.“ (aus der Story „Dreizehnhundert Ratten“)

Good Home umfasst 20 Kurzgeschichten von T.C. Boyle, die in den letzten 15 Jahren entstanden sind und seit 2003 in verschiedenen US-Magazinen veröffentlicht wurden.

Mit der für ihn eigenen Beobachtungsgabe erzählt Boyle in Good Home von menschlichen Abgründen, berichtet von Lügen, Alkohol, Manipulation, Einsamkeit, Verzweiflung, Verlust, Trauer, aber auch von Hoffnung und von glücklichen Momenten.

Boyle nimmt den Leser z.B. mit zur 12-jährigen Angelle, die von ihrem Vater um einen Gefallen gebeten wird, der fatale Folgen haben kann. Man lernt außerdem einen Mann kennen, der eine Leber auf dem schnellsten Wege in eine Klinik bringen muss, da dort eine junge Frau verzweifelt auf das Spenderorgan und ihre Transplantation wartet, der jedoch aufgrund eines Erdrutsches im Stau steht. Boyle berichtet zudem von einem Jungen, der keinen Schmerz spüren kann, den seine Eltern „Sin Dolor“ nennen und der von Narben gezeichnet ist. Und wir können von einem Mann lesen, der sich nach dem Tod seiner Frau eine Schlange kauft, um der Einsamkeit zu entfliehen, der es aber nicht schafft, die lebendigen Ratten an die Schlange zu verfüttern.

Ich lese eher selten Kurzgeschichten, aber da ich Boyle als Romanautor sehr schätze, habe ich selbstverständlich auch zu Good Home gegriffen und war – wieder einmal – begeistert und beeindruckt von Boyles Ideenreichtum, der Heterogenität seiner Geschichten, seiner Beobachtungsgabe, der psychologischen Tiefe seiner Geschichten und dem Detailreichtum seiner Schilderungen. Die Kurzgeschichten sind allesamt packend geschrieben und behandeln Geschichten aus dem Alltag, die aber alle eine ganz besondere und extravagante Note aufweisen.

Obwohl Boyle schon so viel geschrieben hat (mehr als 60 Kurzgeschichten und bisher 16 Romane), finde ich es stets aufs Neue erstaunlich, dass er sich nie selbst wiederholt, und auch in Good Home ist keine Geschichte auch nur ansatzweise wie die andere.

Mich haben die Kurzgeschichten fasziniert und begeistert, und bisweilen war ich beim Lesen regelrecht überwältigt von der emotionalen Wucht der Geschichten. Boyle zählt verdientermaßen zu meinen Lieblingsautoren, und ich bin gespannt, womit er seine Leser als Nächstes überraschen und fesseln wird.

T.C. Boyle: Good Home. Stories. Aus dem Englischen von Anette Grube und Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, 2018, 432 Seiten; 23 Euro (gebunden) bzw. 16,99 Euro (Kindle Version).

2 Gedanken zu „Good Home von T.C. Boyle“

    1. So soll’s sein! 🙂 Mir geht’s nicht anders: Ich hab schon viel von ihm gelesen, aber trotzdem noch ungelesene Bücher von ihm im Regal, und ich habe auch gleich Lust bekommen, die alle sofort zu lesen.

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