„In unserem verfallenden Kaiserreich gilt der Freitod als vollkommen vernünftige Lösung.“
Wien im Jahre 1913: Der Schauspieler Lysander Rief ist nach Wien gereist, damit er mit der verhältnismäßig neuen Methode der Psychoanalyse von einem Problem befreit wird, das ihn plagt. In der Praxis von Dr. Bensimon trifft er auf die charismatische Künstlerin Hettie, die er am selben Tag unverhofft in einem Geschäft für Künstlerbedarf wieder trifft, die ihn umgarnt und schließlich dafür sorgt, dass er Wien eilig wieder verlassen muss.
In der Zwischenzeit bricht der erste Weltkrieg aus, Lysander erlebt den Krieg hautnah und wird schließlich in eine Spionagegeschichte verwickelt.
Auch in William Boyds Roman Eine große Zeit gelingt es dem Autor, eine glaubwürdige Geschichte mit lebensnahen Protagonisten und in anspruchsvoller Sprache zu erzählen. An Eine große Zeit hat mir besonders die Beschreibung der Stimmung in verschiedenen europäischen Städten kurz vor und während des ersten Weltkrieges gefallen. Vor allem die Atmosphäre in Wien hat Boyd meiner Meinung nach sehr gut eingefangen.
Im Vergleich zu früheren Romanen wie Ruhelos, Brazzaville Beach und Einfache Gewitter empfand ich Eine große Zeit jedoch als weniger fesselnd, etwas langatmiger und weitschweifiger. Meines Erachtens hat sich weder die Geschichte um Lysanders Problem und seine Zeit in Wien noch die Beschreibung der Kriegswirren und die Spionagegeschichte wirklich entfalten können.
Eine große Zeit ist ein guter, aber meiner Meinung nach nicht der beste Roman Boyds.
William Boyd: Eine große Zeit. Übersetzt von Patricia Klobusiczky. Berlin Verlag, 2013, 448 Seiten; vergriffen (antiquarisch erhältlich).
Dieser Post ist Teil meines Österreich-Monatsthemas im September 2019.