Die Eifersüchtigen von Sándor Márai

„Wieso musste ich aus den sicheren Kreisen meines Lebens hinaustreten und zurückkehren in das neblige und furchtbare Bekannte, dem ich vor zwanzig Jahren für immer abgeschworen hatte?“

Péter Garren arbeitet seit vielen Jahren für den dubiosen Emmánuel, führt eine Beziehung mit Edit, die er beinahe liebt, und hat eine Geliebte. Sein Leben läuft in recht geregelten Bahnen, obgleich er von Emmánuel in einem unsichtbaren Käfig gehalten wird, der über die Jahre hinweg einen Abgrund zwischen Péter und der Welt angelegt hat.

Doch nun hat Péter einen Brief seiner Schwester erhalten, die ihn bittet, ans Krankenbett des Vaters zu kommen, da dieser im Sterben liegt. Péter lässt Emmánuel, Edit und seine Geliebte La zurück und macht sich auf den Weg in die alte Heimat und damit in eine für ihn längst vergangene Zeit. Dort wartet er zusammen mit seinen Geschwistern und Halbgeschwistern auf den Tod des Vaters. Das Warten wird begleitet vom Wiederaufleben alter Streitigkeiten und Konflikte sowie von der Ungewissheit, wie es nach dem Tod des Vaters mit der Familie weitergehen wird.

Ich habe schon sehr viel von Sándor Márai gelesen und zähle ihn zu meinen Lieblingsautoren. Umso enttäuschter war ich von Die Eifersüchtigen, denn die Eindringlichkeit, mit der Márai für gewöhnlich von Emotionen berichtet, und die Authentizität, durch die er den Leser in das Leben in der k. und k. Monarchie eintauchen lässt, erfährt der Leser auf den 550 Seiten meiner Meinung nach zu selten und weniger intensiv, als man das vom Autor kennt.

Die Eifersüchtigen ist sprachlich anspruchsvoll, die Sätze sind häufig lang, die Lektüre verlangt die volle Konzentration des Lesers. Die Romane von Márai verleiten mich normalerweise dazu, mir Stellen zu markieren oder herauszuschreiben, aber in Die Eifersüchtigen hat mich sprachlich nichts so sehr beeindruckt, dass ich mir Sätze oder Phrasen anstreichen wollte, um sie später wieder und wieder zu lesen.

Die Protagonisten blieben mir anfangs fremd, doch später zeigen sie die vom Autor gewohnte Tiefe. Besonders das Familienmilieu, in dem jeder jedem misstraut und in dem es nicht üblich ist, dass man Dinge anspricht, wurde emotional überzeugend geschildert und zeigt das psychologische Geschick des Autors. Leider waren mir diese Momente zu selten, und über weite Teile des Romans hinweg empfand ich Die Eifersüchtigen als zu langatmig und zu handlungsarm.

Sándor Márai: Die Eifersüchtigen. Aus dem Ungarischen von Christina Kunze. Piper, 2016; vergriffen (antiquarisch erhältlich).

Dieser Post ist Teil des Ungarn-Monatsthemas im Juni und Juli 2020.

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