Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids von Anne Waak

„Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen.“ (Seite 218, Zitat von Franz Kafka)

Dieses Buch ist für mich ein Beispiel dafür, wie man NICHT über Suizid schreiben oder sprechen sollte. Ich bin klare Befürworterin eines offeneren Umgangs mit den Themen Suizidalität, Suizid, Trauer nach Suizid und psychischen Störungen, aber es ist gute und wichtige Praxis, darüber auf eine Art und Weise zu sprechen, die nicht reißerisch ist.

Man weiß spätestens seit Goethes Die Leiden des jungen Werthers, dass das explizite Erwähnen von Suizidmethoden und von (unnötigen) Details im Zusammenhang mit einem Suizid sowie das Zurschaustellen besonders aufsehenerregender Suizide die Suizidrate erhöhen. Aus diesem Grund finde ich das hier besprochene Buch, das durchaus spannende und interessante Passagen aufweist, nicht nur respektlos, sondern vor allem gefährlich.

Anne Waak erzählt in Der freie Tod von Kuriositäten im Zusammenhang mit Suiziden, von Lieblingsorten, von der Suizidepidemie 1945, der Suizidrate in der DDR, von Protestsuiziden, Selbstmordattentaten, Sektensuiziden, Schriftstellersuiziden, Tiersuiziden, Doppelsuiziden usw.

Dabei fand ich vor allem die Ausführungen zu den Ereignissen 1945 und in der DDR sehr spannend und sehr gut aufbereitet. Andere Kapitel empfand ich jedoch als ethisch äußerst fragwürdig und reißerisch. Vor allem die im Buch aufgeführten Listen waren in meinen Augen geschmacklos – wahrscheinlich kann man so nur über Suizid schreiben, wenn einem das Thema emotional fremd ist, man noch keinen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren hat oder die extreme psychische Belastung nicht kennt, wenn Freunde etc. suizidal sind und man verzweifelt versucht, sie am und im Leben zu halten.

Auch Phrasen wie „Geht es um das nackte Überleben, sinkt die Neigung zur Lebensmüdigkeit. Sind die Menschen zum Zusammenhalten gezwungen, sind sie weniger narzisstisch.“ (Seite 18) sind mir sauer aufgestoßen. Ich bin alles andere als eine Befürworterin von Suiziden, gerade weil ich den Abgrund sehr gut kenne, in den Angehörige und Freunde nach einem Suizid gerissen werden. Das Ganze als „narzisstisch“ abzutun, greift aber zu kurz, spricht den Betroffenen den Schmerz und die Verzweiflung ab und hilft so kein bisschen, der Komplexität des Themas gerecht zu werden.

Anne Waak: Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids. Blumenbar, 2016, 233 Seiten; 18 Euro.

Dieser Post ist Teil des Monatsthemas „Psychische Störungen“ im Februar 2019.

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