Der Bergmann von Natsume Sōseki

„Der Leser fühlt sich, als würde er im Dunkeln nach der nächsten Sprosse einer Leiter greifen, und da ist nichts.“ (Vorwort von Haruki Murakami, Seite 16)

Im Februar 1907 kam es in einem Kupferbergwerk in Ashio zu einem Arbeiteraufstand, der das ganze Land bewegte. Zwar erwähnt Natsume Sōseki an keiner Stelle seines Romans, dass sich seine Geschichte an diesem Ort zugetragen hat, aber verschiedene Details wie die Lage und die Größe der Mine, um die sich der Roman dreht, lassen den Schluss zu, dass Sōseki von dem Aufstand beeinflusst wurde, sich aber aus unbekannten Gründen darüber ausschwieg.

Erzählt wird in Der Bergmann die Geschichte eines gebildeten 19-Jährigen, der seine Heimatstadt Tōkyō verlassen hat, weil er zwischen zwei Mädchen stand und sich mit seiner Familie überworfen hat.

Dieser junge Mann, der Ich-Erzähler des Romans, hat vor zu sterben oder zumindest an einen menschenleeren Ort zu gehen, doch dann wird ihm Arbeit in einem Kupferbergwerk angeboten, was sein Interesse weckt:

„Arbeiten und dabei zugleich an einem Ort fern der Menschen, in einem dem Tod nahen Zustand Arbeit zu verrichten, darin kam mein letzter Entschluss meinem ersten Ziel doch auf seine Weise entgegen. Der Bergmann arbeitet, wie der Name schon sagt, im Berg unter Tage, fern vom Licht der Sonne. Er bleibt zwar im Diesseits, gräbt sich aber tief davon hinab und widmet sich im Dunkeln allein den Erzklumpen und bleibt so außer Reichweite der Stimmen der vergänglichen Welt. Mit Sicherheit eine düstere Angelegenheit.“ (Seite 42)

Da ich Haruki Murakami als Autor sehr schätze und Der Bergmann zu seinen Lieblingsbüchern gehört, war ich sehr neugierig auf den Roman von Sōseki, einem der berühmtesten japanischen Schriftstellern der Meiji-Zeit (1868-1912).

Der Bergmann wurde bereits 1908 in Japan veröffentlicht, wirkt beim Lesen jedoch zu keinem Zeitpunkt antiquiert, sondern vielmehr zeitlos und universell, auch wenn die Sprache bisweilen ungewöhnlich ist.

Sōseki hat seine Protagonisten, Handlungsorte und die Szenerie auf exzellente Weise beobachtet, dadurch die Figuren im Roman lebensnah gezeichnet und die Ereignisse minutiös und überzeugend beschrieben. Er nimmt den Leser mit in die Bergwelt Japans und in die Kupfermine, macht die Ereignisse auf dem Weg zum Bergwerk und unter Tage fast hautnah erfahrbar. Ich empfand diese Einblicke in eine mir vollkommen unbekannte Welt und einen mir eher fremden Kulturkreis nicht nur extrem spannend, sondern auch wichtig und lehrreich.

Stellenweise werden die Ausführungen Sōsekis etwas philosophisch, wodurch der Lesefluss leicht gehemmt wird, und auch insgesamt lässt sich dieser knappe Roman nicht so schnell lesen, wie man aufgrund der nur 200 Seiten erwarten würde, sondern er verlangt vom Leser die volle Konzentration und bisweilen auch etwas Geduld.

Ich war bei der Lektüre zudem froh über das Vorwort Murakamis, das nicht nur neugierig auf Der Bergmann macht, sondern auch dabei hilft, den Roman und seine Handlung in den historischen Kontext einordnen und so besser verstehen zu können.

Natsume Sōseki: Der Bergmann. Aus dem Japanischen von Franz Hintereder-Emde. Mit einem Vorwort von Haruki Murakami, übersetzt von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, 2018, 237 Seiten; 11 Euro.

Dieser Post ist Teil des Berge-Monatsthemas im Januar 2019.

4 Gedanken zu „Der Bergmann von Natsume Sōseki“

  1. Interessiert mich natürlich! Und gefallen hat mir dein Beitrag auch sehr. Ich hätte dich eigentlich verlinken können, aber das vergesse ich immer :-(.

    Leider ist die Japan-Reihe fast schon wieder beendet, obwohl ich noch 1001 Buch hier liegen habe, was passen würde.

    Liebe Grüße an dich!

  2. Gerade dein Hinweis, dass das Buch trotz seines Alters nicht alt wirkt, lässt mich aufhorchen, da muss ich wohl mal einen Blick riskieren 🙂
    Trotz der Gedankenstützen von Murakami 😛

    1. Salut, die Anmerkungen von HM sind wirklich gut und tragen meiner Meinung stark zum Verständnis und zur Einordnung bei. Aber ich mag HM ja soundso sehr :-). Riskier mal einen Blick, ich kann mir vorstellen, dass du nach einer kurzen Leseprobe (die hoffentlich mehr als den Teil von HM umfasst…) gut einschätzen kannst, ob das was für dich ist. Einen schönen Sonntag für dich!

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