Das geträumte Land von Imbolo Mbue

 „Warum sind Sie nach Amerika gekommen, wenn Ihre Stadt so schön ist?“

[…]

„Jeder will nach Amerika, Sir. Jeder. In diesem Land sein, Sir. In diesem Land leben. Ah. Das ist das Größte überhaupt, Mr Edwards.“

„Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, warum Sie hier sind.“

[…]

„Weil mein Land nicht gut ist, Sir. […] Es ist überhaupt nicht wie Amerika. Wäre ich in meinem Land, wäre nie etwas aus mir geworden. Dann wäre ich ein Niemand. Dann wächst mein Sohn auf und ist arm wie ich. So wie ich arm war wie mein Vater. Aber in Amerika, Sir, da kann was aus mir werden.“

Die Jongas haben ihre Heimat Kamerun verlassen und leben nun in New York. Ihr Aufenthaltsstatus ist unsicher, das Asylverfahren läuft, sie warten und hoffen auf eine Greencard.

Eines Tages scheint der große Traum von einer sicheren Zukunft in den USA Wirklichkeit zu werden: Jende Jonga bewirbt sich als Chauffeur bei dem vermögenden Mr Edwards, einem Banker bei Lehman Brothers. Jende bekommt den Job, und auch seine Frau Neni arbeitet neben ihrem Pharmaziestudium für die Familie Edwards.

Alles scheint wunderbar zu funktionieren, die beiden so unterschiedlichen Familien profitieren voneinander, erhalten Einblicke in das Leben einer gänzlich anderen Gesellschaftsschicht, lernen die Wünsche und Sehnsüchte, die Probleme und Schwierigkeiten der jeweils anderen Seite kennen.

Doch dann kommt es zum finanziellen Zusammenbruch der Bank, Jende bangt um seinen Job, und dann wird sein Asylantrag abgelehnt.

Mir hat Das geträumte Land von der ersten bis zur letzten Seite sehr gut gefallen. Imbolo Mbue erzählt mit viel Humor und großem Detailreichtum, beschreibt Gefühle und Gedanken so anschaulich, dass man sich als Leser mühelos ein Bild von den Personen und den Ereignissen machen kann. Dabei sind die Protagonisten Jende und Neni sehr sympathisch, so dass man sich von Anfang an nur das Beste für sie wünscht, mit ihnen mitfiebert und hofft, obwohl man auch von Beginn an den Abgrund erahnt, an dem sie sich bewegen.

Durch die Interaktion zwischen den beiden Familien erhält der Leser viele Einblicke in Gemeinsamkeiten und Unterschiede der reichen amerikanischen und der armen zentralafrikanischen Familie, erfährt vom harten Leben in Kamerun, aber auch von den negativen Aspekten eines Lebens in den USA, von der ständigen Angst vor Abschiebung, von der nagenden Sorge darum, wie das Leben weitergehen soll, wenn der Asylantrag abgelehnt wird, von der Befürchtung, als Einwanderer auf dem Abstellgleis zu landen, das erhoffte Glück nicht zu finden.

Mbue schafft es in Das geträumte Land, den Leser zu berühren, ohne dass die tragische Geschichte mit Pathos und Weinerlichkeit erzählt wird. Vielmehr zeigt die Autorin, mit welcher Stärke und welcher Willenskraft die Jendes an ihrem Traum festhalten, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollen, dass sie bereit sind, bis zum Äußersten für eine glückliche Zukunft zu kämpfen.

Und so ist Das geträumte Land trotz der antizipierten und der beschriebenen Abgründe ein Buch voller Hoffnung, Lebensfreude und Weisheit, das die Situation von Einwanderern auf komplexe Weise darstellt, das ebenso berührend wie amüsant ist und das sich angesichts der gegenwärtigen politischen Lage in den USA und der ganzen Welt zudem durch eine hohe Aktualität auszeichnet.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land. Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch. Kiepenheuer & Witsch, 2017, 432 Seiten; 22 Euro. 

Dieser Post ist Teil des Afrika-Monatsthemas (Länder A bis L) im April 2019 (Kamerun).

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