Daldossi oder Das Leben des Augenblicks von Sabine Gruber

„Nie hatte er kapituliert […]. Daldossi würde auch jetzt nicht aufgeben.“

Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf und hat anscheinend schon alles, was es an Leid und Elend gibt, vor Ort erlebt und auf Fotos festgehalten.

Als Daldossi von seiner langjährigen Lebensgefährtin Marlis verlassen wird, verliert er jeden Halt. Marlis war stets für ihn da, wenn er aus einem Kriegsgebiet nach Wien zurück kam: „Daldossi hatte keinen Ort, wo er zu Hause war. Nur sie. In jeder ihrer Poren wohnte er. Hatte er gewohnt.“.

In Daldossi oder Das Leben des Augenblicks erzählt Sabine Gruber von Daldossis Arbeit als Kriegsfotograf, wie seine Kriegserlebnisse und -erfahrungen sein Leben und seine Beziehung mit Marlis geprägt haben und wie ihn das Erlebte noch nach Jahrzehnten verfolgt.

Ich fand Daldossi oder Das Leben des Augenblicks schlichtweg großartig und empfand nicht nur die Einblicke in Daldossis Leben, seine Gefühls- und Gedankenwelt spannend und eindringlich erzählt, sondern auch die beschriebenen Intrusionen überzeugend. Diese Intrusionen, die im Buch immer wieder auftreten und die sich auch in den sachlichen Beschreibungen verschiedener Kriegsfotografien finden, sind typisch für Traumatisierungen und zeigen dem Leser so, was es bedeutet, in Konflikt- und Kriegsregionen zu reisen, sein Leben zu riskieren und Menschen sterben zu sehen. Sie drängen sich dem Leser genauso auf wie dem Traumatisierten in seinen Gedanken und (Alb-) Träumen, in denen er das Trauma immer und immer wieder erlebt.

Mir haben sowohl die Geschichte um Daldossis Versuche, Marlis zurückzugewinnen, als auch die Rückblenden in seine Vergangenheit gefallen, aber besonders gelungen fand ich tatsächlich die Idee mit den Beschreibungen der Fotografien, ein Kunstgriff, der zeigt, wie intensiv sich die Autorin mit dem Thema befasst hat und dass sie ein tiefes Verständnis von Psychologie und den Folgen von Traumatisierung hat.

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks ist sprachlich und inhaltlich überzeugend, psychologisch fundiert. Eines meiner Lesehighlights 2016.

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C.H. Beck, 2016, 315 Seiten; 21,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Themas „Flucht und Migration“ im April 2017.

Ein Gedanke zu „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks von Sabine Gruber“

  1. Mir hat Daldossi auch sehr gut gefallen und die Fotobeschreibungen haben mich begeistert. Leider hat das Buch auch einige nicht so gute Kritiken abbekommen. Schön, dass du es ebenso mochtest wie ich.

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