Tage ohne Hunger von Delphine de Vigan

„Und dann hatte sich die Kälte in ihr ausgebreitet, eine unglaubliche Kälte. Diese Kälte, die ihr sagte, dass sie am Ende angelangt war, dass sie zwischen Leben und Sterben wählen musste.“

Laure, die Hauptprotagonistin in Delphine de Vigans neuestem Roman Tage ohne Hunger, leidet an Anorexia nervosa und hungert sich buchstäblich zu Tode, kann kaum noch aus dem Haus gehen, zieht sich von Freunden zurück.

Erst als sich eine schier unerträgliche Kälte in ihrem Körper ausbreitet, sie deshalb unzählige Lagen an Kleidung tragen und Stunden am Heizkörper verbringen muss, sucht sie sich Hilfe und lässt sich auf einen Termin mit einem Spezialisten für Essstörungen ein. Einen Krankenhausaufenthalt schließt sie jedoch nach wie vor aus:

„Es war noch zu früh, obwohl ihr eigentlich keine Zeit mehr blieb.“

Doch bald verschlechtert sich ihr ohnehin erschreckender Zustand noch mehr:

„Eines Morgens spürte sie, dass die Kälte bis in die Spitzen der Gliedmaßen vorgedrungen war, bis in die Fingernägel, bis in die Haare. […] In ihrem Bauch klopfte der Tod, sie konnte ihn berühren.“

Und da hat sie endlich den Willen zu überleben und sich in eine stationäre Behandlung zu begeben, zuzunehmen und ein Leben nach dem Hungern zu beginnen.

Tage ohne Hunger war mein erstes Buch von de Vigan, und ich bin beeindruckt von ihren authentischen Schilderungen und ihrer komplexen und fesselnden Geschichte, die sie auf weniger als 200 Seiten erzählt.

De Vigan beschreibt Laures Leidensweg sowie die Entwicklung ihrer Essstörung und den Weg aus der Störung, die Psychopathologie der Anorexia nervosa und das typische Verhalten einer Betroffenen mit großer Eindringlichkeit und beachtlichem Detailreichtum. Die Autorin erzählt vom erbitterten Kampf gegen jedes Kilogramm, das Laure durch die Zwangsernährung zunimmt, von ihrer Angst vor dem Verlust der Kontrolle über ihren eigenen Körper sowie vom Überlebenswillen, der nach und nach in Laure aufkeimt.

Dabei zeigt die Autorin, was die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Anorexia nervosa so besonders und so schwierig zu behandeln macht. Damit ist Tage ohne Hunger nicht nur ein bemerkenswerter Roman, der sprachlich anspruchsvoll sowie emotional, fachlich und formal überzeugend ist, sondern das Buch zeichnet zudem ein psychopathologisch authentisches Bild der Anorexia nervosa, wodurch er auch Betroffene und ihre Angehörigen aufklären und informieren kann.

Tage ohne Hunger ist ein dicht geschriebener Roman, der trotz der Kürze intensive Einblicke in die Gefühle und Gedanken der Hauptprotagonistin erlaubt. Nach der Lektüre bin ich neugierig auf die anderen Romane der Autorin, und zum Glück stehen schon zwei weitere Bücher von de Vigan in meinem Regal.

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. DuMont Buchverlag, 2017, 168 Seiten; 20 Euro.

Dieser Post ist Teil des noch geheimen Monatsthemas im September 2018.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.