So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten von Roland Schulz

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. […] Auch aus den Zehenspitzen zieht sich das Blut zurück. Deine Füße werden kalt. Dein Atem verflacht. Die Sinne schwinden. Dein Körper leitet den Abschied vom Leben ein.“

Roland Schulz beschreibt in seinem Buch detailliert, was beim Sterben, nach dem Tod und während des Trauerprozesses geschieht, thematisiert unter anderem Patientenverfügung, Totenfürsorge, Testament, Schmerzen, Verlust von Appetit, Geruch und Geschmack, Cheyne-Stokes-Atmung, terminale Luzidität, Schluckreflex, Individualtod und biologischer Tod, Totenflecken und Totenstarre, Leichenschau und Totenschein, Bestattung und Autolyse, Aufbahrungsbuch und Aussegnungshalle, Sterbeurkunde und Trauerfeier, Trauer und Resilienz, Erinnern und Vergessen.

Mich hat das Buch sehr aufgewühlt, zum Weinen und zum Nachdenken gebracht, hat eigene Ängste verstärkt und Erinnerungen an meine Begegnungen mit Sterbenden geweckt. Und es ist eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe.

Schulz beschreibt Situationen und Abläufe sehr genau, er hat genau beobachtet und nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Tatsache, dass das Buch in der zweiten Person Singular geschrieben wurde, trägt – neben dem Inhalt des Buches – dazu bei, dass es beim Lesen bisweilen unangenehm wird, dass einen das Buch häufig aus der Spur bringt.

Der Autor wendet sich direkt an den Leser, schildert dessen Sterben und dessen Tod, beschreibt, wie der Tod des Lesers betrauert wird. Das macht So sterben wir extrem konfrontativ, aber die Auseinandersetzung mit den Themen Sterben und Tod ist so essentiell und so wichtig, dass ich das Buch jedem ans Herz lege, denn wir alle müssen uns irgendwann mit dem Thema beschäftigen – ob wir wollen oder nicht.

Schulz widmet sich dem Thema mit Respekt, Sachlichkeit und Behutsamkeit. Er verstört durch seine detailreichen Ausführungen, aber er stimmt auch hoffnungsvoll, und er zeigt ganz klar, was wichtig ist im Leben.

Ich empfinde das Buch als wahren Segen – wenn man sich traut, sich so explizit und so schutzlos mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen.

„Es ist schlimm, wenn dir klar wird, dass du gelebt hast und nun sterben musst. Schlimmer ist, wenn dir klar wird, dass du nicht gelebt hast und nun sterben musst.“

Roland Schulz: So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten. Piper Verlag, 2018, 240 Seiten; 20 Euro.

Dieser Post ist Teil des Vergänglichkeit-Monatsthemas im November 2020.

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