Raum 4070/Psychosen verstehen

„Was nach außen so konfus aussieht, ist innen immer stimmiger.“

Es ist schwer einfühlbar, was eine Psychose ausmacht und was in den Betroffenen vorgeht, weil dies für jemanden ohne Psychoseerfahrung allzu weit weg ist vom täglichen Leben und Erleben, Denken und Fühlen. Ich persönlich halte es allerdings für sehr wichtig, sich auch als Laie mit der Thematik auseinanderzusetzen, weil vor allem Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis oft falsch verstanden, Psychoseerfahrene ausgegrenzt und isoliert werden. Soziale Unterstützung und Verständnis sind jedoch extrem wichtig, weil durch Psychosen sehr viel Leid verursacht wird und weil soziale Unterstützung essentiell für die Lebensqualität und damit nicht zuletzt für die Prognose ist.

Raum 4070/Psychosen verstehen basiert auf einem Potsdamer Psychoseseminar, bei dem sich Psychoseerfahrene, Angehörige und Professionelle regelmäßig treffen und gemeinsam psychoserelevante Themen besprechen. Diese trialogischen Treffen gibt es deutschlandweit, und ich halte das Projekt für sehr unterstützenswert und wichtig.

Raum 4070/Psychosen verstehen behandelt sowohl affektive Psychosen als auch Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, wobei der Fokus der Filme auf dem schizophrenen Formenkreis liegt, weswegen ich diesen Fokus auch im weiteren Verlauf meiner Besprechung setze. Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis waren zudem viele Jahre mein Schwerpunkt in Forschung und Lehre, doch habe ich außerdem einen sehr persönlichen Bezug zur Schizophrenie, der stets mein Motor für meine wissenschaftliche Tätigkeit in dem Bereich und mein großes Interesse an der Störung war – und der nun mein Motor für Aufklärung und Wissensvermittlung ist.

Durch die beiden Filme kann man sehr viel über Schizophrenie lernen und verstehen, dass es sich um ein heterogenes Krankheitsbild handelt, das von verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich erlebt wird und ganz unterschiedliche Auswirkungen hat. So erfährt man z.B. von Positiv-/Plussymptomatik (Ich-Störungen, Wahn, Halluzinationen), Negativ-/Minussymptomatik (z.B. Anhedonie, sozialer Rückzug, Konzentrationsstörungen), formalen Denkstörungen (z.B. inkohärentes Denken, Gedankenrasen) sowie von der häufig erlebten, begleitenden Angstsymptomatik und dem Gefühl des Bedrohtseins. Sehr gelungen fand ich dabei, dass alle drei Gruppen zu Wort kommen und Symptome aus ihrer Sicht beschreiben, und dass manche Aspekte durch Beobachtung erkannt und verstanden werden können (formale Denkstörungen).

Angesprochen werden zudem Frühwarnsignale, Rücksichtslosigkeit, Gewalt in der Psychiatrie, der zerstörerische Charakter der Schizophrenie in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie Suizidalität und die Ohnmacht bei erfolgreichem Suizid.

Beide DVDs zeigen ähnliche Szenen, betten diese aber in einen etwas anderen Kontext ein. Dieser Wiederholungscharakter ist hilfreich für alle, die noch keine Erfahrung mit dem Thema haben, und spannend für Erfahrene, da die Themen aus unterschiedlicher Sicht beleuchtet und erläutert werden.

Die Filme bieten sehr tiefe und wichtige Einblicke in die Psychopathologie der Schizophrenie sowie ins Erleben, Denken und Fühlen von Psychoseerfahrenen, Angehörigen und Professionellen. Damit vermittelt Raum 4070/Psychosen verstehen viel Wissen, klärt auf, macht aber auch betroffen und hat mich persönlich sehr berührt.

Wirklich beeindruckt hat mich nicht nur die Offenheit der Psychoseerfahrenen und der Angehörigen, die in den Filmen ihrer Verletzlichkeit und ihren Befürchtungen Ausdruck verleihen und deren Gefühlsregungen und Interaktionen oft mit Detailaufnahmen ihrer Gesichter gezeigt werden, sondern auch die Ehrlichkeit der Professionellen, die von überdosierten Medikamenten und von der oft auftretenden Hilflosigkeit von Professionellen im Zusammenhang mit Psychosen sprechen. Besonders hervorheben möchte ich dabei den Psychiater Piet Stolz, der das Potsdamer Psychoseseminar geleitet und moderiert hat, der mich mit seiner Empathie, seiner Menschlichkeit und seinem Beharrungsvermögen wirklich bewegt und überwältigt hat. So jemanden wünsche ich jedem, der an einer psychischen Störung erkrankt ist – obwohl ich keine Anhängerin der Psychoanalyse bin, und Stolz Psychoanalytiker ist.

Raum 4070/Psychosen verstehen ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über ein kluges und wichtiges Projekt. Ich selbst habe nach dem Anschauen der beiden Filme beschlossen, an einem Psychoseseminar ganz in meiner Nähe teilzunehmen – als Professionelle und als Freundin, die nicht helfen konnte.

Raum 4070 – Ein Dokumentarfilm von Jana Kalms und Torsten Striegnitz. Psychosen verstehen – Ein Lehrfilm aus dem Psychoseseminar Potsdam. Psychiatrie Verlag, 2007; 25 Euro.

Dieser Post ist Teil des Monatsthemas „Psychische Störungen“ im Februar 2019.

2 Gedanken zu „Raum 4070/Psychosen verstehen“

  1. Hey,

    sag mal… ich habe gerade gegooglet, weil für mich bisher Psychosen Psychosen waren und ich den Begriff auch immer als Synonym für Schizophrenie verwendet habe.
    Verstehe ich es richtig, alle Psychoseformen haben Halluzinationen/Wahn (gibt es da einen Unterschied? ) gemeinsam? Aber wie die Psychose genannt wird, -> Schizophrenie oder affektiv, hängt davon ab, durch was die Psychose ausgelöst wird? Ob sie das Symptome einer anderen Erkrankung ist oder nicht?

    LG
    Petrissa

    1. Salut Petrissa,

      das stimmt schon, dass der Begriff Psychose oft synonym mit Schizophrenie verwendet wird, aber eigentlich kennt man verschiedene Arten von Psychosen: die organischen und die nichtorganischen Psychosen. Zu den Erstgenannten gehören z.B. demenzielle Erkrankungen und Substanzintoxikationen, die mit psychotischem Erleben einhergehen, zu Zweitgenannten die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis und die affektiven Störungen, die mit psychotischen Symptomen auftreten (z.B. schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen oder Bipolar-Störung mit psychotischen Symptomen).

      Bei der Schizophrenie gibt es auch Formen ohne Halluzinationen und Wahn, obwohl diese Diagnosen oft umstritten sind. Der Wahn in der Schizophrenie (wenn er denn auftritt) ist oft bizarr und wenig einfühlbar. Bei depressiven Episoden mit psychotischen Symptomen findet man oft Verarmungs- oder Schuldwahn, bei Manien Größenwahn, bei der Schizophrenie oft Beziehungs-, Bedeutungs- und Verfolgungswahn, und oft ist dieser wie gesagt bizarr und extrem ausgeformt.

      Verwirrt? Falls ja: Kein Wunder! Die Terminologie ist teilweise wirklich vage.

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