Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

„Sie wollte nicht nur verschwinden, jetzt, mit sechsundsechzig Jahren, sondern auch das ganze Leben auslöschen, das hinter ihr lag.“

Lila und Elena sind bereits seit über 60 Jahren miteinander befreundet, als Lila eines Tages spurlos verschwindet. Elena weiß, dass ihre Freundin schon seit mindestens 30 Jahren darüber nachgedacht hat, Neapel zu verlassen, und nun scheint die passende Zeit gekommen zu sein: Alle Kleider, Schuhe, Bücher, Fotos, Filme und Lilas PC sind weg.

Um das Geheimnis um Lilas Verschwinden aufzudecken, denkt Elena zurück an die gemeinsame Zeit mit ihrer Freundin und erzählt im ersten Teil der Tetralogie von der Kindheit und Jugend der beiden Mädchen.

Ich kenne Neapel nicht von eigenen Reisen, war aber schon sehr oft in Italien und finde, dass die Autorin die Stimmung in den 1950er Jahren und das italienische Flair sehr gut eingefangen hat. Meine geniale Freundin hat mich von Anfang an nach Italien im Allgemeinen und Neapel im Besonderen versetzt und vermittelt zwischen den Zeilen viele Informationen über die Geschichte des Landes und der Stadt sowie über die Mentalität, die Kultur und die Gepflogenheiten der Bewohner.

Zwar wird die Geschichte sehr detailreich erzählt, aber meiner Meinung nach sind die Schilderungen so lebendig, dass die Geschichte auch ohne große Paukenschlagmomente auskommt. Wer sich von dem Buch eine durchweg spannungsgeladene Geschichte mit rasanten Wendungen verspricht, wird von der Lektüre sicher enttäuscht werden, denn Meine geniale Freundin ist eher ein Buch der leisen Töne, das auf den ersten Blick wie der oberflächliche Bericht über eine Mädchenfreundschaft wirkt, bei tiefergehender Betrachtung jedoch einen perfekten Abriss des Lebens in Neapel und der Gesellschaftsstruktur im Italien der 1950er Jahre bietet.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, denn es ist unterhaltsam, psychologisch und sprachlich anspruchsvoll und lässt sich durchweg flüssig lesen. Zudem hat mich der erste Band der Reihe sehr neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte und auf das Erwachsenenleben der beiden Freundinnen gemacht, so dass ich auf die nachfolgenden drei Bände sehr gespannt bin.

Meine geniale Freundin ist ein Buch über das Leben in Neapel, über Angst und Gewalt, Konkurrenz und Bewunderung, Träume und Hoffnungen, Enttäuschungen und Niederlagen, Eifersucht und Anbetung. Ich freue mich auf den nächsten Teil.

www.elenaferrante.de

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, 2016, 422 Seiten; 22 Euro.

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