Butcher’s Crossing von John Williams

„Du bist verrückt. Was willst du eigentlich? Du kannst doch nicht jeden gottverdammten Büffel in diesem gottverdammten Land erlegen.“

Der 23-jährige William Andrews hat in Harvard studiert, doch sein altes Leben zurückgelassen und sich auf die lange Reise nach Butcher’s Crossing gemacht, um das Land kennenzulernen, denn er „war noch nie da draußen und will so viel wie möglich davon sehen“.

Andrews nimmt Kontakt mit dem Jäger Miller auf, der vor etwa 10 Jahren ein abgelegenes Tal voller Büffel entdeckt hat und seither davon träumt, an diesen Ort zurückzukehren, um die Büffel zu schießen und das große Geld zu machen. Andrews finanziert das Vorhaben, denn er wittert eine Gelegenheit, sich durch das Abenteuer selbst zu finden.

Bald brechen Miller und Andrews zusammen mit dem Häuter Fred Schneider und Millers Faktotum Charley Hoge auf nach Colorado. Sie irren ohne Wasser durch die Prärie und finden schließlich das legendäre Tal mit der riesigen Büffelherde.

Ich habe vor ein paar Jahren Stoner mit großer Begeisterung gelesen und mich seitdem auf ein weiteres Buch von John Williams gefreut. Auch Butcher’s Crossing ist ein großartiges Buch und eignet sich meiner Meinung nach auch für diejenigen, die normalerweise nichts mit Wildwest-Geschichten anfangen können.

In langen Sätzen und mit zahllosen Einschüben erzählt Williams seine Geschichte um Millers Büffeljagd und Andrews‘ Suche nach sich selbst. Dabei beschreibt er die Handlungsorte wie Butcher’s Crossing, die Prärie und das Büffeltal sowie die Protagonisten detailreich und plastisch, so dass er ein realistisches Szenario heraufbeschwört, das den Leser ins späte 19. Jahrhundert und in den Wilden Westen versetzt.

Butcher’s Crossing ist ein großes Abenteuer mit einem gelungenen Spannungsbogen, wobei die Wendungen im Buch überraschend, aber stets glaubwürdig sind. Williams‘ Schilderungen der Gier und Besessenheit Millers und der Brutalität und Skrupellosigkeit der Büffeljäger sowie seine Beschreibungen der Gefahren, auf die die vier Abenteurer stoßen und wie sie diese bewältigen, sind durchweg packend und meisterhaft erzählt. So ist Butcher’s Crossing nicht nur eine spannende Lektüre, sondern bietet zudem Einblicke in die damalige Zeit und in die Natur des Menschen, der – ohne die Konsequenzen zu bedenken und zu jedem Preis – seine Interessen durchsetzt.

Wegen der Gier, Zügellosigkeit und Besessenheit Millers hat mich Butcher’s Crossing oft an Joseph Conrads Herz der Finsternis erinnert. Aufgrund der Schauplätze (Prärie, Wilder Westen) ähnelt der Roman den Szenarien in Michael Punkes Der Totgeglaubte und Philipp Meyers Der erste Sohn. Wem diese Bücher gefallen haben, der kann mit Butcher’s Crossing meiner Meinung nach nichts falsch machen.

Alles in allem ist Butcher’s Crossing ein sprachlich anspruchsvolles und inhaltlich fesselndes Buch und war damit eines meiner Lesehighlights 2016.

John Williams: Butcher’s Crossing. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. dtv, 2015, 368 Seiten; 21,90 Euro.

Dieser Post ist Teil des Nordamerika-Themas im Februar 2017.

2 Gedanken zu „Butcher’s Crossing von John Williams“

  1. Nachdem mich „Stoner“ nicht ganz so vom Hocker gerissen hatte wie die meisten Leser (obwohl es natürlich ein gutes Buch ist), habe ich bisher vor diesem hier gezögert, besonders die ausgiebigen Gewaltschilderungen haben mich abgeschreckt. Nachdem ich aber vvon „Augustus“ so begeistert war, gebe ich ihm vielleicht doch noch eine Chance.

    1. Zu „Augustus“ habe ich komischerweise kaum Zugang gefunden. Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt – ich muss das Buch definitiv nochmal lesen….

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