Tage des Verlassenwerdens von Elena Ferrante

„Es war nur eine Frage von Tagen, bis sich alles wieder einrenken würde.“ (Seite 12)

Nach 15 gemeinsamen Ehejahren stellt Mario Olga vor vollendete Tatsachen: Er verlässt sie.

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden eine Beziehungskrise haben und er seine Trennung ankündigt. Und aus diesem Grunde geht Olga auch diesmal davon aus, dass er nach wenigen Tagen zurückkehren wird, zumal er nichts mitgenommen und sich nicht von den Kindern verabschiedet hat.

Doch bald muss Olga einsehen, dass es keinen Neuanfang geben wird, denn Mario ist eine neue Beziehung zu einer deutlich jüngeren Frau eingegangen.

„In allem erblickte ich die praktischen Folgen des Verlassenwerdens. Mein Mann hatte seine Gedanken und Sehnsüchte von mir abgezogen, um sie woandershin zu verlegen. Von nun an trug ich allein die Verantwortung für die Dinge, die wir vorher miteinander geteilt hatten.“ (Seite 21)

Olga zieht sich zurück, verändert sich, und bald ist sie mit ihren Kindern, dem Hund, dem Alltag vollkommen überfordert.

Ich habe die Neapolitanische Sage von Elena Ferrante mit sehr großer Begeisterung gelesen, kenne zudem die meisten ihrer anderen Bücher. Auch Tage des Verlassenwerdens hat mir ausgesprochen gut gefallen und ist meiner Meinung nach ein typisches Ferrante-Buch: Im Fokus steht eine Frau, die nach einer größeren Veränderungen ihr Leben wieder meistern muss, der vieles über den Kopf wächst, die zurück zur Routine finden muss, der die Lebenszufriedenheit abhanden gekommen ist.

Wie immer bei Ferrante empfand ich auch Tage des Verlassenwerdens als psychologisch und emotional überzeugend. Ferrante beschreibt auf minuziöse Weise das Leben nach dem Verlassenwerden, berichtet lebensnah und authentisch von Olgas Gedanken und Gefühlen. Dabei schreckt Ferrante auch nicht vor der Schilderung von Emotionen wie Wut, Selbsthass, Hass auf den Ex-Partner, Ekel, Aggression zurück, beschreibt Olga in all ihren Facetten und häufig als wahrhaft unangenehme Person, die egozentrisch und manipulativ ist, die unfair handelt, die oft schlichtweg abstoßend ist.

Der Roman hat mich wütend gemacht, was meiner Meinung nach für ihn spricht, denn hier werden durch Olgas Agieren und Reagieren starke Gefühle evoziert, wodurch der Roman realistisch und überzeugend ist, betroffen macht, erschreckt und bisweilen geradezu beängstigt, was Olga ihren Kindern, ihrem Hund und sich selbst antut.

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort. Suhrkamp Verlag, 2019, 252 Seiten; 22 Euro.

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