Snooker in Kairo von Waguih Ghali

„Es ist seltsam, dass die Menschen – Abermillionen von Menschen – fernsehen, singen und summen können, obwohl sie im Krieg Brüder, Väter oder Geliebte verloren haben; und noch seltsamer ist, dass sie es voller Gleichmut hinnehmen, wenn andere Brüder oder Geliebte in den nächsten Krieg ziehen. Sie sehen nicht die Tragödie des Ganzen. Ab und zu liest einer von diesen Millionen ein Buch oder macht sich seine Gedanken, etwas erschüttert ihn, und dann durchschaut er die ganze Tragödie. Wohin er auch schaut, er findet nur Tragödien.“ (Seite 171)

Kairo in den 1950er Jahren: Ram und sein Freund Font verbringen ihre Tage trinkend und Snooker spielend, wirken orientierungslos und leben in den Tag hinein. Sie gehören zur ägyptischen Oberschicht und sind mehr geprägt vom Westen und von der britischen Kolonialherrschaft als von ihrer Identität als Araber und als Muslime.

Ram, der Ich-Erzähler des Romans, ist verliebt in die Jüdin Edna, mit der er eine Affäre hat, die mit ihm einige Zeit in England verbringt, die er heiraten will, die ihn jedoch nicht ganz an sich heranlässt.

Waguih Ghali, in den 1920ern in Kairo geboren und 1969 durch einen Suizid aus dem Leben getreten, beschwört in seinem einzigen Roman das Kairo der beginnenden Nasser-Ära herauf, zeigt dem Leser ein postkoloniales Ägypten, das erst noch seine Identität als eigenständiges Land finden muss, stellt politische Strömungen wie die Wafd-Partei und die Muslimbruderschaft vor, bietet so Einblicke in ein Ägypten, das bisweilen an das Ägypten der Gegenwart erinnert.

Ich war sehr gespannt auf den Roman, nicht nur wegen meines allgemeinen Interesses an Literatur aus Nordafrika und wegen der tragischen Biografie des Autors, sondern auch, weil ich vor vielen Jahren mit großer Begeisterung und exzessiv Nagib Mahfuz gelesen habe, dessen Beschreibungen von Kairo und Ägypten so stimmungsvoll und lebendig sind.

Leider hat mich Snooker in Kairo nicht annähernd so stark an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzt, und vor allem der Einstieg ins Buch ist mir schwer gefallen, was wahrscheinlich vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass ich den schnorrenden, trinkenden, Snooker spielenden Protagonisten Ram so abstoßend fand. Im weiteren Verlauf – als die Liebesgeschichte zwischen Ram und Edna erzählt wird – habe ich wärmere Gefühle für Ram entwickelt, und dann empfand ich auch die Schilderungen Kairos und der politischen Lage fesselnder und gelungener.

Letztendlich hat mir Snooker in Kairo stellenweise gut gefallen, war mir bisweilen aber auch zu langatmig und zu distanziert, so dass ich den Roman nur bedingt empfehlen kann.

Waguih Ghali: Snooker in Kairo. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. C.H. Beck, 2018, 256 Seiten; 22 Euro.

Dieser Post ist Teil des Ägypten-Monatsthemas im Mai 2022.

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