Secondhand-Zeit von Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch

„In den Neunzigern… ja, da waren wir glücklich, zu dieser Naivität von damals können wir nicht mehr zurück. Wir glaubten, die Entscheidung sei gefallen, der Kommunismus hätte ein für alle Mal verloren. Dabei fing alles erst an…“

Über Interviews, die Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch als Journalistin führte, fand die weißrussische Autorin ukrainischer Abstammung zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen Roman in Stimmen.

In Secondhand-Zeit gibt Alexijewitsch einer Vielzahl von Personen eine Stimme: Menschen, die die gesellschaftlichen Veränderungen im Rahmen von Perestroika, der Öffnung des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall der Sowjetunion am eigenen Leib erlebt haben und die mit Alexijewitsch von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, von der Zeit der gebrauchten Ideen, von der „Secondhand-Zeit“ sprechen.

Sie erzählen von Mangelversorgung und Zufriedenheit mit dem Leben in der Sowjetunion, von Kapitalismus und sozialer Unsicherheit im postkommunistischen Russland, von Denunziation und Hunger, von Gulags und Stalinismus, von Aufbruchstimmung und Stolz auf die Heimat, von Kaltem und Tschetschenien-Krieg, von Liebe und Sehnsucht, von Alkoholismus und Gewalt.

Ich bin selbst in einer Diktatur aufgewachsen und bin beim Hören von Secondhand-Zeit auf viele Parallelen zu meiner eigenen Kindheit und meinem eigenen Erleben gestoßen, auch wenn ich – im Gegensatz zu den meisten Interviewpartnern Alexijewitschs – für die Öffnung des Eisernen Vorhangs dankbar und mit meinem Leben sehr zufrieden bin. Nichtsdestotrotz kann ich sehr gut nachvollziehen, was in den Menschen in Russland vorgeht, dass sie enttäuscht wurden, dass sie sich betrogen fühlen, dass sie sich die alten Gegebenheiten zurückwünschen, dass sie in Anbetracht der gegenwärtigen Lage in Russland der Sowjetunion nachweinen.

Dies ist eine Sicht der Dinge, die man, solange man sich nicht eingehend mit dem gegenwärtigen Russland beschäftigt hat, nicht verstehen kann bzw. gegen die man sich regelrecht wehrt, denn das Abschütteln des Kommunismus und der Diktatur scheint etwas durch und durch Positives zu sein, und für Außenstehende muss alles besser sein als die Mangelversorgung in der Sowjetunion, die Gulags, der Hunger, die Unterdrückung.

Doch dann trifft man auf Alexijewitschs Secondhand-Zeit, und das eigene Weltbild wird dadurch ver-rückt und sehr wahrscheinlich gerade-gerückt. Alexijewitsch erlaubt durch ihre Interviews und die Wahl ihrer Interviewpartner unglaublich wertvolle Einblicke in das postsowjetische Russland, zeigt, dass die Mehrheit der russischen Menschen durch die Auflösung der Sowjetunion viel verloren hat, stellt die Armut in der Sowjetunion der Armut im heutigen Russland gegenüber, präsentiert so das echte Russland, indem sie Menschen zu Wort kommen lässt, die ihre Gedanken, Gefühle und Überzeugungen offenbaren.

Meiner Meinung nach eignet sich das (Hör-) Buch durch die eindringlichen Berichte auch für Einsteiger in Sachen Russland, obwohl ich finde, dass eine breitere Kenntnis russischer Autoren nicht schadet, da Alexijewitsch bisweilen auf Romanfiguren wie Oblomow und den Deutschrussen Stolz (Oblomow von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow) oder auf Schriftsteller wie Fjodor Michailowitsch Dostojewski zu sprechen kommt.

Das gekürzte Hörbuch wird von zahlreichen Sprechern gelesen, die den Texten den geeigneten emotionalen Anstrich und die passende persönliche Tiefe geben.

Secondhand-Zeit hat mich wie kein anderes Buch verstehen lassen, was die Menschen in Russland umtreibt. Damit ist Secondhand-Zeit nicht nur eine besondere Lese- bzw. Hörempfehlung, sondern Alexijewitsch meiner Meinung nach auch eine würdige und verdiente Literatur-Nobelpreisträgerin!

Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Gekürzte Lesung mit Wolf-Dietrich Sprenger, Marlen Diekhoff, Bettina Stucky u.v.a.Hörbuch Hamburg, 2015; 16,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Russland-Themas im November 2017.

2 Gedanken zu „Secondhand-Zeit von Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch“

  1. Vielen Dank für Deine Besprechung des _sehr_ interessant wirkenden Buches. 🙂

    Ich hatte davon gehört und es bisher noch nicht gelesen, das werde ich nun nachholen, ich bestellte soeben auf die ungekürzte, gedruckte Fassung.

    Lieben Gruß
    Karl-Heinz

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