Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz von Mira Jacob

„Der klassische Konflikt zwischen Auswanderern und Daheimgebliebenen.“

Amina arbeitet als Hochzeitsfotografin in Seattle, doch nach einem Anruf ihrer Mutter Kamala sagt sie ihre Termine ab und reist kurzfristig nach New Mexico, wo ihre Eltern leben und wo sie nach dem Rechten sehen möchte.

Kamala macht sich Sorgen um ihren Mann Thomas, doch Aminas Vater wirkt gesund und zufrieden. Unter dieser vermeintlich unauffälligen Oberfläche liegt jedoch etwas im Argen, denn Thomas halluziniert, spricht mit seiner Mutter Ammachy, die seit 20 Jahren tot ist.

In New Mexico kümmert sich Amina nicht nur um ihren Vater, sondern setzt sich auch mit anderen belastenden Ereignissen aus ihrer Vergangenheit auseinander: mit dem frühen Tod ihres Bruders Akhil und mit einem Foto, das sie von einem Suizidenten gemacht hat, durch das sie berühmt geworden ist und das sie sich noch immer nicht verzeihen kann.

Mir hat Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz von Anfang an sehr gut gefallen. Die Sprache ist sehr lebendig, die Beschreibungen und Stimmungen farbenfroh und schillernd, die Protagonisten wunderbar schrullig und skurril, aber lebensnah und glaubwürdig. Besonders zu Beginn habe ich beim Lesen sehr viel gelacht, doch bald mischt sich unter dieses Lachen eine gewisse Traurigkeit, denn die Themen des Romans sind oft berührend und tragisch: Identitätsfindung zwischen zwei Kulturen, Krankheit und Tod, Liebe und Verlust.

Über das gesamte Buch hinweg schreibt Mira Jacob mit einer überwältigenden Klugheit und mit ausgeprägtem Scharfsinn über Gefühle und Gedanken und macht es so möglich, dass der Leser auf einer Seite lacht und auf der nächsten mit den Figuren leidet und sie ihm richtig ans Herz wachsen.

Auch der Spannungsbogen hat mir gut gefallen: Der Roman wurde nie langatmig, und die Geschichte, die von Anfang an unterhaltsam war, wurde schließlich so packend erzählt, dass ich bis spät in die Nacht hinein weiterlesen musste. Der Stil hat mich dabei bisweilen an Richard Ford erinnert, der den Ereignissen in seinem Roman Kanada vorgegriffen hat, dadurch jedoch die Spannung extrem steigert und nicht mindert.

Mein Resümee:
Ein toller Roman: tragisch und trotzdem oft amüsant, anspruchsvoll erzählt und dennoch leicht und unbeschwert zu lesen, durchweg spannend und sehr berührend.

Mira Jacob: Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz. Aus dem amerikanischen Englisch von Edith Beleites. Eichborn Verlag. 2014, 575 Seiten; 19,99 Euro.

Diese Rezension ist Teil des Indien-Themas im Januar 2017.

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