Der Sprung von Simone Lappert

„Irgendeine Tragödie ereignete sich immer.“ (Seite 15)

Eine Frau steht auf dem Dach eines Wohnhauses. Sie entfernt Dachziegel. Sie schreit. Sie wirft Gegenstände auf die Straße. Und immer wieder geht sie gefährlich nah an den Rand.

Unten steht irgendwann eine ganze Traube von Menschen. Sie filmen die Szene mit ihren Smartphones. Sie rufen der Frau Beleidigungen entgegen. Sie holen sich im benachbarten Lädchen Getränke und Snacks, starren gebannt nach oben, genießen das Ganze wie einen besonders spannenden Film. Und manche sorgen sich auch um die Frau, die sich möglicherweise suizidieren möchte.

Obwohl niemand so recht weiß, was in der Frau vor sich geht, was ihre Motivation ist und welchen Plan sie verfolgt, ändert dieser Vorfall das Leben der Zuschauer und der Involvierten. Sie verändern Dinge in ihrem Leben, die sie schon lange gestört haben. Sie erleben, wie ihr Leben wieder eine positive Wende bekommt, an die sie selbst nicht mehr geglaubt haben. Sie werden mit Erinnerungen konfrontiert, die sie lieber vergessen hätten und die sie bisher mit niemandem geteilt haben. Sie kommen Menschen näher und fühlen sich wieder nützlich und gebraucht.

Ich habe die Angewohnheit, keine Klappentexte zu lesen, und das hat sich bei diesem Buch (wie so oft) als wahrer Segen herausgestellt, denn so weiß man anfangs überhaupt nicht, wohin die Reise im Roman geht, und die Geschichte entblättert sich ganz gemächlich. Mir hat die Konstruktion des Romans sehr gut gefallen, bei der der Leser immer mehr Zusammenhänge versteht, die vorher nicht verstanden werden konnten, die aber angedeutet wurden.

Auch fand ich die Charakterisierung der Personen ausgezeichnet, und durch die vielen Figuren, die allesamt irgendwie mit der Geschichte der Frau auf dem Dach verbunden sind, macht der Roman von Anfang an sehr neugierig und erzeugt viel Spannung. Auch die zwischenmenschlichen Abgründe bei den Zuschauern und Involvierten hat Simone Lappert exzellent beschrieben und die Sensationsgier, den Mangel an Empathie, das niveaulose Anfeuern, aber auch die Verzweiflung überzeugend herausgearbeitet.

Sprachlich ist Der Sprung flüssig und schnell lesbar, unkompliziert, aber dennoch anspruchsvoll geschrieben.

Nichtsdestotrotz hat mich der Roman nicht ganz mitreißen können, denn meiner Meinung nach hat sich die Frau auf dem Dach nicht glaubwürdig verhalten. Weil ich nicht spoilern möchte, kann ich hier nicht mehr verraten, doch fand ich, dass die Auflösung des Ganzen die Geschichte, all ihre Wendungen und die damit verbundene Emotionalität nicht ganz tragen kann.

Simone Lappert: Der Sprung. Diogenes Verlag, 2019, 330 Seiten; 22 Euro.

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