
„Dieser Roman bezieht sich auf Realitäten, wie sie in Gaza-Stadt vor dem 7. Oktober 2023 vorherrschten. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung ist Gaza-Stadt größtenteils zerstört, die Bevölkerung traumatisiert, vertrieben oder tot.“ (Seite 5)
Gaza-Stadt im Jahre 2014: Der Fotojournalist Julien Desmanges durchstreift die Gassen der Stadt und trifft auf den Buchhändler Nabil Al Jaber. Julien möchte den Mann fotografieren, doch dieser willigt nur unter der Bedingung ein, dass er dem Fotojournalisten die Geschichte seines Lebens und seiner Heimat erzählt.
Nabil berichtet von der Nakba, vom Aufwachsen im Lager Aqabat Jaber, vom Leben im Lager von Dschabaliya, vom Sechstagekrieg, vom Studium in Kairo, vom Leben in Gaza-Stadt, von Heirat und Kindern, von der ersten und zweiten Intifada, von Gefängnis und Freilassung. Er berichtet auch von der Macht und von der Schönheit von Literatur sowie von der Palästinensischen Autonomiebehörde und dem Einfluss der Hamas.
Dieses schmale Büchlein ist hochemotional und macht hochemotional, ist dadurch ein nachhaltiges Buch, an das ich sicherlich noch viel denken werde.
Rachid Benzine erzählt auf eine Weise. die das Geschehen szenisch erlebbar macht. Dies ist schon beim Einstieg ins Buch so: Er berichtet lebendig, und das Gewirr in den Gassen von Gaza-Stadt hat mich an Städte in Jemen erinnert – noch so ein Ort, der zerstört wurde… Mich hat das Buch traurig und wütend gemacht, frustriert und zum Weinen gebracht.
Benzine erzählt auf geheimnisvolle und magische Weise, nimmt den Leser so mit in eine fremde Welt und zeigt dabei neben all dem Geheimnisvollen und Magischen die Auswirkungen von Krieg und jahrzehntelanger Entrechtung und Entmenschlichung, Heimatlosigkeit und Staatenlosigkeit, Gewalt und Tod.
Ich empfinde dieses Buch als ein extrem wichtiges Buch, um zu verstehen, was in Palästina bittere Realität ist.
Und am Ende frage ich mich: Wie viel kann ein Mensch eigentlich aushalten?
„Dieses Land folgt einer Litanei von Vergeltung auf Vergeltung, von sich ansammelndem Hass, von Trauer, auf die sich noch mehr Trauer legt.“ (Seite 31)
Rachid Benzine: Der Buchhändler von Gaza. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Piper, 2026, 128 Seiten; 22 Euro.