Die Liebe am Nachmittag von Ernö Szép

„[…] nichts sollte dieses heimliche Aufkeimen stören, das sich gerade in meinem Herzen vollzog. Ein sensibler Prozess, wie wenn eine Pfütze gerade im Begriff ist zuzufrieren, da reicht es schon, wenn ein Kind nur mit dem Fingernagel hineinfährt, um alles kaputt zu machen.“ (Seite 23)

Der 46-jährige Mihály – Feuilletonist, Theaterkritiker, Dichter und Flaneur – hat Liebschaften, doch er sucht die Liebe, die perfekte Liebe, bei der alles stimmig ist, bei der ihn nichts stört, die keinerlei Makel aufweist.

Da trifft er auf eine verheiratete Dame, die er aufgrund ihres Parfums Cinq-Fleur nennt, die er mal anbetet, mal halbherzig begehrt.

Zeitgleich verbringt er seine Tage mit der jungen Schauspielschülerin Iboly, die ihn in aller Unschuld anhimmelt, die er bisweilen herablassend behandelt, weil sie arm ist und weil sie tiefe Gefühle für ihn hegt, die er nicht recht ernst nehmen kann und will.

Der ungarisch-jüdische Schriftsteller Ernő Szép, der 1944 in einem Arbeitslager interniert, aber durch den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg kurz vor der Deportation nach Auschwitz gerettet wurde, schrieb vier Romane sowie Theaterstücke und Gedichte, wobei Die Liebe am Nachmittag 1935 im ungarischen Original (als Ádámcsutka) erschien und 2008 in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde.

Mich hat Die Liebe am Nachmittag wegen der im untergehenden Kaiserreich angesiedelten Handlung oftmals an Sándor Márai und wegen der besonderen Stimmung im Roman und der überzeugenden Beschreibung von Emotionen an russische Autoren des 19. Jahrhunderts wie Fjodor Michailowitsch Dostojewski und Lew Nikolajewitsch Tolstoi erinnert.

Ich bin froh, dass ich das Buch zufällig in die Hände bekommen habe, denn aufgrund des Titels hätte ich den Roman nicht gekauft und eher eine schnulzige Liebesgeschichte als einen tiefsinnigen Roman über Altern, Erfolg, Liebe, Reue und Tod erwartet.

Mihály ist ein gänzlich unsympathischer Zeitgenosse, der so lebendig und überzeugend charakterisiert wurde, dass ich bei der Lektüre teilweise regelrecht angeekelt und abgestoßen war. Er ist gleichzeitig ein tragischer Held, und ob man will oder nicht, er tut einem beinahe leid, weil er sich und seinem Glück selbst im Weg steht, der Liebe hinterherjagt, sie aber gleichzeitig nicht zulässt.

Die blumige Sprache hat mir den Einstieg ins Buch etwas erschwert, so dass ich mich erst einlesen musste, doch im Verlauf liest sich der Roman recht flott und ist vor allem nach der Hälfte besonders packend.

Die Liebe am Nachmittag ist ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich machender Roman, der den Leser ins Budapest der k. u. k. Doppelmonarchie versetzt und Lust auf ungarische Literatur und eine Reise nach Ungarn macht.

Ernö Szép. Die Liebe am Nachmittag. Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner. dtv, 2011, 304 Seiten; 8,90 Euro.

Dieser Post ist Teil des Ungarn-Monatsthemas im Juni und Juli 2020.

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