Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante

„Wenn du heute mit so einem Artikel an die Öffentlichkeit gehst, tust du etwas Wichtiges für dich, für deine Leser, für alle; du zeigst, dass das Italien, in dem wir leben, viel schlimmer ist, als wir uns das erzählen.“ (Seite 401)

Elena hat alles auf eine Karte gesetzt: die Beziehung mit ihrem Ehemann Pietro beendet, ihre Töchter Dede und Elsa zurückgelassen, ihre Schwiegermutter Adele – mit ihrem großen Einfluss auf Medien und Verlagswesen – verärgert, ihr finanziell unbeschwertes Leben aufgegeben, mit ihren Eltern gebrochen.

Elenas Preis für eine gemeinsame Zukunft mit ihrer Jugendliebe Nino Sarratore ist hoch, aber sie ist glücklich mit Nino, der sich bemüht, sie umschmeichelt und umsorgt. Doch immer wieder kämpft Elena gegen ihre Unsicherheit, ihre Eifersucht und ihre Angst, Nino wieder zu verlieren – und damit alles verloren zu haben.

Parallel zu ihrem bewegten Liebesleben veröffentlicht Elena ein weiteres Buch, das zuerst in Frankreich erscheint, weswegen sie hin- und hergerissen ist zwischen dem Leben einer erfolgreichen Autorin, die sich auf Lesereisen begibt und gefeiert wird, und dem Leben als Mutter, die Zeit für ihre Töchter aufbringt.

Nach und nach bröckelt Ninos Fassade, Lila und andere Freunde aus dem Rione warnen Elena, und selbst Adele berichtet von Gerüchten über Nino, die ihr zu Ohren gekommen sind.

„Ich spürte, dass Nino auf meine Reaktion wartete, aber ich wusste nicht, wie ich eine so gemeine Handlung mit dem Glorienschein vereinbaren sollte, der ihn damals zu umgeben schien. Die Sekunden vergingen, und verwirrt versuchte ich, diese erbärmliche Tat einzugrenzen, damit sie sich nicht mit dem miserablen Ruf verband, den Nino, Adele zufolge, in Mailand hatte, und mit dem Rat, ihm zu misstrauen, den ich von Lila und Antonio erhalten hatte.“ (Seite 76f)

Die Geschichte des verlorenen Kindes, der vierte und letzte Teil der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, erzählt vom Erwachsenenalter der beiden Freundinnen und greift zudem die Rahmenhandlung wieder auf.

Elenas Konkurrenz zu Lila wird im vierten Band in meinen Augen eher externalisiert: Stets hat sich Elena mit Lila verglichen und fühlte sich unterlegen, auch wenn sie selbst studiert und Lila die Schule nicht beendet hat, sie selbst ein Buch veröffentlicht hat, während Lila in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo schuften musste. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet, nun sind es andere Personen, die die beiden Freundinnen vergleichen und die Elena als die Gescheiterte, die Schlechte empfinden und Lila in höchsten Tönen loben. Auch ich empfand die eigentlich so sympathische Elena zunehmend als anstrengend, hochnäsig und unsympathisch, die bisher eher unbequeme Lila als vernünftig, ehrlich und unterstützend.

Durch diese Entwicklungen und die Reaktionen der Außenwelt schafft es Ferrante in ihrem vierten Band, den Leser erneut zu überraschen und ihre Figuren noch komplexer zu zeichnen, was sicherlich dazu beiträgt, dass der vierte Band einen starken Sog auf den Leser ausübt.

Die Freundinnen nähern sich im Laufe ihres Erwachsenenlebens wieder mehr aneinander an, verbringen viel Zeit miteinander, unterstützen und helfen einander. Eifersucht und Konkurrenz rücken im Mittelteil des vierten Bandes immer mehr in den Hintergrund, und der Leser merkt sehr klar, was stark das Band zwischen den beiden Freundinnen ist, dass sie tatsächlich eine besondere und eine starke Freundschaft verbindet.

Neben den Geschichten um Elena, um Lila und um ihre Freundschaft haben mich in Die Geschichte des verlorenen Kindes auch die Nebendarsteller sehr berührt, die im vierten Band der Saga bisweilen eine überraschende Emotionalität und Wärme zeigen und den Leser dadurch bewegen können. Dabei sind mir viele Protagonisten, die bislang im Hintergrund geblieben sind oder bisher hart und distanziert wirkten, ans Herz gewachsen, und ihre Schicksale sind mir unerwartet nahe gegangen.

Ferrante erzählt in Die Geschichte des verlorenen Kindes aber auch vom Leben in Italien von den 1970ern bis ins 21. Jahrhundert, berichtet von Kommunisten und Faschisten, von Ermordungen und Entführungen, von organisiertem Verbrechen und Drogenproblematik sowie vom schweren Erdbeben 1980, so dass man beim Lesen nicht nur die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Protagonisten, ihre Gedanken- und Gefühlswelt besser kennenlernt und versteht, sondern auch einen authentischen Einblick in das Land Italien bzw. die Stadt Neapel erhält.

Im letzten Teil der Neapolitanischen Saga passiert so viel, dass ich keinen Moment innehalten und immer weiterlesen wollte. Doch je näher ich den letzten Seiten kam, desto häufiger habe ich meine Lektüre unterbrochen, damit ich das Ende noch etwas hinauszögern kann.

Nach der Lektüre war ich regelrecht traurig, dass ich Elena und Lila nun nicht mehr durch ihr Leben begleiten kann, aber zum Glück kann man die Reihe immer wieder und wieder lesen oder als Hörbuch hören.

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Reife und Alter. Band 4 der Neapolitanischen Saga. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, 2018, 614 Seiten; 25 Euro.

Hier geht es zu meinen Rezensionen zu Meine geniale Freundin, zu Die Geschichte eines neuen Namens und zu Die Geschichte der getrennten Wege.

www.elenaferrante. de

2 Gedanken zu „Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante“

  1. Hallo,
    ich merke, wir haben einen recht ähnlichen Buchgeschmack. 🙂 Das ist schön, zu entdecken. Und mit diesem Artikel hast du meine Frage an dich auf meinem Blog sogar schon beantwortet. Für mich war es interessant zu sehen, wie die Freundschaft der beiden noch aussehen kann. Bisher war es doch eher sehr konkurrenzorientiert und nun zeigt sich aber auch eine weichere Seite. Elena Ferrante hat mir gezeigt, dass Freundschaft nicht immer nur Harmonie sein muss und dies auch nicht schlimm ist.
    Viele Grüße,
    Janine

    1. Stimmt, in den ersten drei Bänden habe ich (mit ein paar Ausnahmen) oft nicht recht verstanden, was die beiden zusammenhält, weil es viel um Abgrenzung und auch um Neid ging. Im vierten Band versteht man endlich sehr gut, dass die beiden füreinander da sind, sich stärken und stützen. Und ja, es ist schön zu sehen, dass „Freundschaft“ nicht bedeutet, dass immer alles rosig ist, sondern dass es wichtig ist und dass am Ende zählt, ob man sich trotz allem aufeinander verlassen kann.

      Liebe Grüße (in meine alte Heimat bzw. nicht allzu weit entfernt davon),
      Romy

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