Der Scheiterhaufen von György Dragomán

„was vergangen ist, ist vergangen, sage ich, während ich weiß, dass das nicht stimmt, dass es eine unermesslich große Lüge ist, es ist nicht vergangen, es vergeht nicht“

Die 13-jährige Ich-Erzählerin Emma lebt seit dem Tod ihrer Eltern in einem Internat, wo sie eines Tages von einer unbekannten Frau besucht wird, die sich als ihre Großmutter ausgibt und sie mit zu sich nach Hause nimmt.

Emma wird in der fremden Stadt von ihren Mitschülern gehänselt, bedroht und beschimpft. Mit der Zeit erfährt sie von den Gerüchten, die über ihre Familie erzählt werden, lernt, sich gegenüber ihren Mitschülern durchzusetzen, und findet in ihrer Großmutter eine Vertraute, die ihr schließlich von ihrem eigenen Leben, ihren Verlusten und ihrer Schuld erzählt.

György Dragomán war mir bislang als Autor kein Begriff, doch der Titel des Romans und der Klappentext haben mich neugierig gemacht, so dass ich Der Scheiterhaufen gerne lesen wollte. Nach der Lektüre bin ich froh, dass ich diesen beeindruckenden Autor, der mit Der Scheiterhaufen seinen dritten Roman vorgelegt hat, kennenlernen durfte, und weiß, dass ich nun auch seine anderen Bücher lesen muss.

Dragomán schreibt anspruchsvoll: mal kurze, stakkatoartige Sätze in schnörkelloser Sprache, mal lange, atemlos wirkende Sätze mit unzähligen Einschüben und phantastischen Elementen. Der Autor beherrscht die Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion meisterhaft und überzeugend. Dabei erzählt er die Geschichte aus der Sicht der 13-jährigen Emma auf eindringliche und eindrückliche Weise, und auch die Passagen, in denen die Großmutter von ihrem Leben berichtet, sind glaubwürdig, wenn auch bisweilen kryptisch und mysteriös.

Sehr gut gefallen hat mir zudem, wie der Autor historische Ereignisse in die Geschichte eingewoben hat, obwohl er diese nur andeutet und nicht explizit benennt oder erklärt.

Der Scheiterhaufen ist ein düsterer, aufwühlender, trostloser, sprachlich anspruchsvoller, mysteriöser, magischer und schlichtweg großartiger Roman um Schuld, Verlust und Erwachsenwerden.

György Dragomán: Der Scheiterhaufen. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Suhrkamp, 2015, 494 Seiten; 24,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Themas „Magischer Realismus“ im August 2017.

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