Der Revolver von Fuminori Nakamura

„Gestern – es kommt mir vor wie gestern – habe ich einen Revolver gefunden. Vielleicht auch gestohlen, ich weiß es nicht genau. Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht. Bisher hatte überhaupt kein Interesse an Waffen, aber in dem Moment, in dem ich den Revolver sah, musste ich ihn haben.“ (Seite 9)

Nishikawa, ein junger Student, läuft im strömenden Regen durch Tokio. Er ist bis auf die Knochen durchnässt, aber er geht immer weiter und weiter, obwohl sich ein Teil von ihm nach einer heißen Dusche und trockener Kleidung sehnt.

Als er für eine Zigarettenpause Zuflucht unter einer Brücke sucht, findet er die Leiche eines Mannes – und neben dem Mann einen Revolver.

Er steckt die Waffe kurzerhand ein, geht mit einem Hochgefühl nach Hause, und der Fund ändert sein Leben. All seine Gedanken drehen sich fortan um die Waffe. Er poliert und betrachtet den Revolver. Der Besitz macht ihn glücklich. Und die Vorstellung, jemanden zu töten, erregt Nishikawa immer mehr, und er weiß, dass er sein unbändiges Verlangen nicht mehr lange kontrollieren kann.

Ich habe bereits Der Dieb von Fuminori Nakamura mit großer Begeisterung gelesen, und Der Revolver hat mich so gefesselt, beeindruckt und in seinen Bann geschlagen, dass der japanische Autor damit in die Riege meiner Lieblingsautoren aufgestiegen ist.

Der Revolver liest sich wie ein Kriminalroman, ist aber viel mehr als das, denn die psychologische Tiefe, mit der die Veränderung Nishikawas beschrieben wird, hat mich oft an Rodion Raskolnikow aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis großartigen Roman Schuld und Sühne erinnert.

Auch sprachlich hat mich Der Revolver begeistert, denn der Roman ist sowohl anspruchsvoll wie leichtfüßig, sowohl knapp gehalten wie dicht geschrieben. Kein Wort ist hier überflüssig, und nirgends hat man das Gefühl, es fehle etwas, der Autor hätte weiter ausholen müssen. Dass es sich hier um Nakamuras Debüt handelt, kann man bei der Lektüre fast nicht glauben. Ich empfehle auch Der Dieb mit Nachdruck und freue mich selbst auf den Roman Die Maske, der noch ungelesen in meinem Regal steht.

„Der Revolver war ein Teil von mir geworden, hatte mein ganzes Denken und Handeln durchdrungen. […] Ein Leben ohne den Revolver konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Seit ich ihn hatte, machte mir mein Alltag Freude, weil sich alles um den Revolver herum abspielte, und es fühlte sich an, als würde genau das auch meine persönliche Entwicklung voranbringen.“ (Seite 94)

Fuminori Nakamura: Der Dieb. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg. Diogenes, 2019, 184 Seiten; 22 Euro.

2 Gedanken zu „Der Revolver von Fuminori Nakamura“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.