Der Beweis von Agota Kristof

Der Beweis setzt da an, wo Das große Heft geendet hat: Die Zwillinge haben sich getrennt – Lucas ist im Haus der verstorbenen Großmutter geblieben, während Claus über die Grenze geflohen ist, das Land verlassen hat.

Lucas lebt an der Realität vorbei, vernachlässigt seine Aufgaben und Verpflichtungen, fühlt sich nicht mehr als ganzer Mensch, seit er von seinem Zwillingsbruder getrennt lebt.

Auch die sich langsam wieder einschleichende Routine und die neu errungenen Kontakte zu anderen Personen ändern nichts an seinem chronischen Gefühl von Einsamkeit und Leere, dem Lucas ohne seine andere Hälfte Claus nicht entfliehen kann.

Vieles an Der Beweis ist anders als bei Das große Heft: Die Protagonisten haben Namen, sind weniger anonym, Lucas ist nicht mehr nur die harte und emotionslose Person, die man aus dem ersten Band der Trilogie kennt, sondern entwickelt Beziehungen, kümmert sich um Hilfesuchende. Auch formal gibt es Unterschiede: Die Kapitel sind deutlich länger, die Sprache weniger distanziert.

Insgesamt ist der zweite Band meiner Meinung nach weniger verstörend und befremdend als der erste, sorgt auf den letzten 30 Seiten jedoch dafür, dass der Leser überrascht, erschüttert und verwirrt zurück bleibt – und dem dritten Band entgegen fiebert.

Der Beweis ist eine Geschichte von Verlusten und persönlichen Tragödien, die ich sehr empfehlen kann und die mit Die dritte Lüge, dem dritten Band der Trilogie, auf überraschende Weise fortgesetzt wird.

Agota Kristof: Der Beweis. Aus dem Französischen von Erika Tophoven-Schöningh. Piper, 1991, 185 Seiten; 10 Euro.

Dieser Post ist Teil des Ungarn-Monatsthemas im Juni und Juli 2020.

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