Mit anderen Augen von Jane Tara

„Kein sterblicher Mensch hat die Dinge jemals so gesehen, wie sie sind, obwohl uns diese Formulierung geläufig ist wie jedes andere Alltagswort und alle sie ständig im Munde führen.

Wir können die Dinge nicht sehen, wie sie sind, denn unsere Natur zwingt uns dazu, sie nur so zu sehen, wie wir sind. Uns selbst werden wir niemals los.“ (Seite 7)

Die 52-jährige Tilda Finch bemerkt, dass ihr rechter kleiner Finger verschwunden ist. Was zuerst unglaublich und unmöglich scheint – vielleicht eine Folge von unbewusstem Drogenkonsum? – ist bald bittere Realität und erst der Anfang.

Der Finger ist nicht weg, sondern unsichtbar, und Tilda sucht nach einer Erklärung. Und schon ist auch ihr rechtes Ohr verschwunden.

Tilda geht zu ihrer vertrauten Ärztin Dr. Majumdar, die sie untersucht und ihr rückmeldet, dass sie an der Unsichtbarkeitserkrankung – Morbus Invisibilis – leidet, einer Krankheit, die vorwiegend bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr auftritt.

Der Roman hat sich sehr gut angelesen und mich direkt gefangen genommen. Als Leser ist man sofort mitten in der Geschichte und begleitet Tilda bei ihrem Kampf gegen die Unsichtbarkeit.

Ich empfand den Roman als ein wenig durchschaubar, zu wenig überraschend und etwas zu plakativ und vereinfachend, auch wenn vieles im Roman sehr viel Sinn ergibt, zum Beispiel was unseren Blick auf uns selbst angeht und wie wir ihn beeinflussen können.

Interessanterweise empfinde ich es genau andersherum als die Frauen im Buch: Ich finde, ich habe deutlich mehr Sichtbarkeit, seit ich die Mitte 40 überschritten habe.

Am Ende kann ich sagen, dass der Roman sich durchaus unterhaltsam gelesen hat und spannend war, der Funke aber nicht richtig übergesprungen ist, und ich Aspekte des Romans etwas zu pauschal fand.

Jane Tara: Mit anderen Augen. Übersetzung von Tanja Handels. Diogenes, 2026, 496 Seiten; 25 Euro.

Dazu hab ich auch was zu sagen!