Ein deutsches Mädchen von Heidi Benneckenstein

„Wenn ich daran denke, was ich früher gesagt, gedacht oder getan habe, woran ich geglaubt und gezweifelt habe, schäme ich mich, aber vor allem bin ich wütend.“ (Seite 13)

Die heute 24-jährige Heidi Benneckenstein ist in einer Neonazifamilie aufgewachsen, hat ihre „ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht. Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an.“ (Seite 13).

In Ein deutsches Mädchen erzählt sie von ihrer Kindheit und Schulzeit, von der Erziehung durch die Eltern und dem Drill in Feriencamps, von Freunden und Propaganda, von emotionaler Vernachlässigung und körperlicher Gewalt, von ihrer Jugend und ersten Beziehungen, von Zweifeln und Umdenken, vom Ausstieg und von Aussteigerhilfe, die sie und ihr Mann heute anderen Personen aus dem rechten Milieu anbieten.

Ich empfand die Einblicke in Benneckensteins Kindheit und Jugend als sehr spannend und eindrücklich, da ich bisher nur Bücher und Berichte von Personen kannte, die erst in der Jugend in rechtsextreme Kreise gerieten.

Das Buch wirkt im ersten Kapitel eher kindlich, die Sprache ist anfangs noch sehr einfach, wodurch das Buch schnell lesbar ist. Im Verlauf empfand ich Benneckensteins Schreibstil deutlich elaborierter, sie zitiert Tolstoi und stellt Bezüge zur RAF etc. her, was ich persönlich eher etwas unglaubwürdig fand, denn an mehreren Stellen beschreibt die Autorin, wie schlecht ihr Hauptschulabschluss war und wie wenig sie sich für Schule und Bildung interessiert hat. Dieser Aspekt ist eigentlich auch mein einziger Kritikpunkt am Buch, das mir sonst sehr gut gefallen hat.

Besonders gelungen fand ich, wie die Autorin ihre Kindheit und Jugend sowie das Verhältnis zu ihrem Vater seziert, wie sie genau erklärt, wie sich was zugetragen hat, wodurch sie es dem Leser ermöglicht, das ihr Widerfahrene zu verstehen und nachzuvollziehen.

Alles in allem finde ich ihren Mut, aus ihrem alten Leben auszusteigen, und ihren Willen, neue Wege einzuschlagen, beeindruckend und ihren Bericht wichtig und hilfreich, um andere bei ihrer Entscheidung zu unterstützen und um zu zeigen, was alles möglich ist, wenn man es wirklich möchte.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie. Tropen, 2017, 252 Seiten; 16,95 Euro.

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