Broken Hill von Nicholas Shakespeare

„Der Zug war die einzige Möglichkeit hier rauszukommen. Entweder das, oder man tauchte hinab in die Erde.“

Broken Hill in New South Wales: Der Erste Weltkrieg, der im weit entfernten Europa tobt, hat auch Auswirkungen auf den abgelegenen Ort an der Grenze zum Outback. Broken Hill, berühmt für seine Blei- und Zinkminen, hat vor dem Krieg intensiven Handel mit Deutschland getrieben, doch durch den Krieg ist Broken Hills wichtigster Handelspartner weggebrochen.

Rosalind, die Hauptprotagonistin des Buches, hat ihren Bruder William bei einem Unfall in der South Mine verloren und soll nun dessen besten Freund Oliver heiraten. Doch dann trifft sie auf den Afghanen Gül, der sie fasziniert, aber von den restlichen Bewohnern Broken Hills ausgegrenzt wird.

Zusammen mit seinem Freund Molla Abdullah, der tagtäglich tyrannisiert und schikaniert wird, plant Gül schließlich seinen Rachefeldzug gegen die Weißen, und am Neujahrstag 1915 kommt es zur Katastrophe.

Ich war selbst schon in Broken Hill und habe beim Lesen festgestellt, dass ich fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem beschriebenen Neujahrstag 1915 in der Stadt war. Dieser persönliche Bezug hat mir von Anfang an sehr gefallen, zumal ich mir die Schauplätze des Buches aus diesem Grunde perfekt vorstellen konnte.

Nicholas Shakespeare hat die Stimmung in der Bergbaustadt hervorragend eingefangen, nimmt den Leser mit auf eine Reise an den Rand des Outbacks und zeigt, wodurch das Leben in Broken Hill geprägt wurde.

Das Buch ist sprachlich anspruchsvoll, und trotz der Kürze gelingt es dem Autor, eine authentische, komplexe und anschauliche Geschichte zu erzählen und seinen Protagonisten Leben einzuhauchen. Begeistert hat mich auch die Art und Weise wie er die Verwandlung, die mit Gül und Molla geschieht, wiedergibt. Eher traurig hat mich gestimmt, dass zwischen der Geschichte um Gül und Molla und der Gegenwart zwar 100 Jahre liegen, doch dass sich in diesen 100 Jahren so wenig in den Köpfen der Menschen getan hat. Die Parallelen zum Rassismus, zur Fremdenangst, zum Fremdenhass und zum radikalen Islam in der heutigen Zeit geben dem Leser das Gefühl, dass sich die Geschichte genauso gut im Jahre 2015 zugetragen haben könnte.

Etwas verwundert hat mich der Zeitungsartikel auf Seite 122, in dem die Rede davon ist, dass Broken Hill ein Küstenort in Westaustralien und dass Canberra die Hauptstadt Australiens ist (was sie erst 1927 wurde).

Broken Hill ist ein knappes Buch, das den Leser in eine andere Zeit versetzt und dennoch sehr aktuell ist.

Nicholas Shakespeare: Broken Hill. Aus dem Englischen von Georg Deggerich. Hoffmann und Campe, 2016, 128 Seiten; 18 Euro.

Dieser Post ist Teil des Australien-Themas im Januar 2018.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.