VOX von Christina Dalcher

„Wir waren, wie er es nannte, die Stimmen, die man nicht zum Schweigen bringen konnte.“ (Seite 23)

Die USA in naher Zukunft: Frauen und Mädchen dürfen nur noch maximal einhundert Wörter am Tag sprechen, was durch das Tragen von Wortzählern kontrolliert wird, die bei Zuwiderhandlung Stromstöße abgeben.

In der Folge leben die Frauen und Mädchen im Land ein reduziertes Leben, in dem sie ohne Beruf, ohne Bildung, ohne Geselligkeit, ohne Bücher und Zeitschriften auskommen müssen und das auf die einzig wahre Rolle der Frau limitiert ist: heiraten, Kinder bekommen und aufziehen, den Haushalt versorgen.

Ein solches Leben wurde demzufolge auch der vierfachen Mutter und promovierten Linguistin Jean zugewiesen, doch als der Bruder des Präsidenten bei einem Skiunfall verunglückt, wird Jean zu Rate gezogen, denn der Bruder weist eine Läsion im posterioren Anteil des linken Gyrus temporalis superior auf, dem sogenannten Wernicke-Areal, wo (bei Rechtshändern) das sensorische Sprachzentrum lokalisiert ist. Jean, die eine Expertin auf dem Gebiet der Wernicke-Aphasie ist, soll ein Serum herstellen, um den Bruder zu heilen, der durch die Läsion zwar flüssig sprechen kann, der aber die Bedeutung von Wörtern nicht mehr versteht.

Jean darf ihren Wortzähler abnehmen und ihre Forschungstätigkeit wieder aufnehmen. Sie hat eine Deadline, wann das Serum fertig sein muss, doch gleichzeitig weiß sie, dass sie, sobald sie damit fertig ist, wieder zum Schweigen gebracht wird.

Nach einem Treffen mit der Autorin und zahlreichen Empfehlungen war ich sehr gespannt und neugierig auf VOX, allerdings auch ein wenig besorgt, ob meine Erwartungen an den Roman nicht zwangsläufig enttäuscht werden müssen, weil sie einfach zu hoch waren. Erfreulicherweise kann ich sagen, dass mir der Debütroman von Christina Dalcher sehr gut gefallen hat, dass ich das Buch atemlos gelesen und fast keine Lesepause gemacht habe – auch wenn ich mit dem Ende nicht zu 100% zufrieden war.

VOX liest sich von der ersten Seite an flüssig, und durch die kurzen Kapitel und den spannenden Plot habe ich immer weiter und weiter gelesen, so dass ich das Buch nach wenigen Stunden beendet hatte.

Beim Lesen merkt man sehr deutlich, dass Dalcher selbst promovierte Linguistin ist, denn sie kann zum Einen hervorragend mit Sprache umgehen, findet problemlos die richtigen Wörter und den passenden Ausdruck und hat zum Anderen einen sehr natürlichen Umgang mit Fachvokabular und Themen wie Aphasie, den man meiner Meinung nach nur dann hat, wenn man selbst vom Fach ist.

Ich fand VOX durchweg beklemmend: Im Roman ist die Unterdrückung der Frau (wieder) salonfähig, christlicher Fundamentalismus ist weit verbreitet und anerkannt, Menschen, vor allem Frauen, werden rund um die Uhr überwacht und kontrolliert, es gibt Umerziehungslager für Homosexuelle usw.

Das Ganze klingt auf den ersten Blick vielleicht zu weit hergeholt, doch meiner Meinung nach macht den größten Grusel des Romans aus, dass wir mehr und mehr in einer Welt leben, wo solche „Werte“ und solche Methoden wieder die Oberhand gewinnen. Und so hatte ich beim Lesen oft ähnliche Gefühle wie bei der Lektüre von Omar El Akkads American War, wo auch gegenwärtige Trends aufgenommen und literarisch zu einer Dystopie verarbeitet wurden.

Spannend fand ich auch die Schilderungen der Veränderungen Jeans, die von einer unpolitischen Frau zu einer Kämpferin wird, sowie die Darstellung, welche Konsequenzen die politische Situation auf die Familie Jeans hat, wo neue Gesetze Familienmitglieder ausgrenzen und wo man bereits beim Nachwuchs die Folgen von Propaganda und Hirnwäsche spürt.

Lediglich das Ende des Romans hat mir nicht zu 100% gefallen, denn dieses kommt für mein Empfinden zu abrupt, ist zu actionlastig und mir damit ein wenig zu hollywoodmäßig. Nichtsdestotrotz empfand ich VOX als ebenso unterhaltsame wie lehrreiche und wichtige Lektüre, wobei VOX viele Genres und viele Aspekte auf überzeugende und gelungene Weise in sich vereinigt: Wissenschaftsthriller, Dystopie, Plädoyer für Freiheit und Gleichheit, Warnung vor Intoleranz, Extremismus, Unterdrückung und dem Verlust der Moral.

„Ich hoffe, Sie lesen VOX auf zweierlei Weise: sowohl als spekulative politische Dystopie, in der die Übermacht staatlicher Kontrolle das Leben einer Familie zerstört, und als Gedankenspiel, das Ihnen das Geschenk der Sprache vor Augen führt, dieses erstaunlich komplexe Vermögen, das wir so oft als selbstverständlich betrachten.“ (Christina Dalcher)

Christina Dalcher: Vox. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol. S. Fischer, 2018, 400 Seiten; 20 Euro.

2 Gedanken zu „VOX von Christina Dalcher“

  1. Ich habe das Hörbuch gehört und war sehr enttäuscht! Das Thema fand ich sehr spannend und interessant aber die Umsetzung sehr „naja“. Der Beginn ist sehr stark und dann fällt das Buch sehr ab. Ich konnte die meisten Handlungen der Protagonistin nicht nachvollziehen. Sie reagierte mir viel zu passiv und das Ende fand ich furchtbar. So gar nicht passend zum Thema und Buch.
    Ich finde, dass man den Buch ganz stark anmerkt, dass Dalcher es in nur zwei Monaten geschrieben hat. Dem Buch fehlt viel Tiefe und insgesamte Logik. Habe meine Rezi noch nicht geschrieben aber mit goodwill werde ich wohl gerade noch so 3 Sterne vergeben.

    Finde aber toll, dass du die Autorin persönlich getroffen hast! Bin sehr gespannt, was sie als nächstes Buch angehen wird.

    GlG, monerl

    1. Also, je länger es her ist, dass ich das Buch gelesen habe, desto enttäuschter bin ich vom Ende. Es hat sich angefühlt, als habe das eine ganz andere Person geschrieben, war nicht nur überstürzt, sondern auch so amerikanisch. Heute würde ich wahrscheinlich nicht schreiben, dass mir das Ende nicht 100% gefallen hat, sondern dass es mir nicht gefallen hat.

      Die Autorin zu treffen, war aber sehr spannend. Das Buch hatte ich vorher nicht gelesen, sonst hätte ich sie gerne gefragt, wie sie zu diesem Ende kam…

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