Schlagwort-Archive: Magischer Realismus

Die Tigerfrau von Téa Obreht

„Alles liegt tot in seiner Erinnerung, mit Ausnahme der Tigerfrau […]“

Natalia befindet sich gerade in einem Waisenhaus in Südosteuropa, als sie vom Tod ihres geliebten Großvaters erfährt. Um die Umstände seines Todes zu klären und zu verstehen, macht sich Natalia auf den Weg in die Provinz, wohin ihr Großvater kurz vor seinem Tod reiste und wo er schließlich starb, und erinnert sich an ihre eigene Kindheit, die eng mit ihrem Großvater verbunden war, an den Tiger, den sie mit dem Großvater über Jahre hinweg regelmäßig im Zoo besucht hat, und an Ereignisse aus dem Leben des Großvaters, von denen er immer wieder erzählte – vom Mann, der nicht sterben konnte, vom Tiger, der in den Wirren des 2. Weltkriegs aus einem Zoo ausgebrochen war und sich in der Heimat des Großvaters niedergelassen hatte, und von der Tigerfrau. Die Tigerfrau von Téa Obreht weiterlesen

Die Ermordung des Commendatore. Band 2: Eine Metapher wandelt sich von Haruki Murakami (Buch und Hörbuch)

„Die Grube hätte nicht geöffnet werden sollen.“ (Seite 193)

Was im ersten Band von Die Ermordung des Commendatore geschah: Nach der Trennung von seiner Frau hat sich der Ich-Erzähler in ein einsames Haus in Odawara zurückgezogen, das dem Maler Tomohiko Amada, dem Vater seines Freundes Masahiko Amada, gehört. Hier geschehen bald sonderbare Dinge, nachdem der Ich-Erzähler auf dem Dachboden das Gemälde „Die Ermordung des Commendatore“ findet, das ihn beeindruckt und fasziniert. So hört der Ich-Erzähler nachts das Gebimmel von Glöckchen, die aus einer Grube hinter einem Schrein zu kommen scheinen, er trifft den leibhaftigen Commendatore, und er malt ein Porträt des ebenso reichen wie geheimnisvollen Menschiki, der auf der anderen Seite des Tals wohnt und der ihn bald um ein weiteres Porträt bittet: das seiner mutmaßlichen Tochter Marie Akikawa.

Die Handlung des zweiten Bandes knüpft direkt an die Geschehnisse des ersten Buches an: Shiko Akikawa und ihre 13-jährige Nichte Marie verbringen den Sonntagmorgen im Haus des Ich-Erzählers, der dort die ersten Skizzen des Porträts anfertigt. Dort trifft Menschiki zum ersten Mal auf das Mädchen, das jedoch wenig Interesse an dem fremden Mann zeigt. Umso interessierter ist Marie an dem Porträt, das der Ich-Erzähler von Menschiki gemalt hat, das sich aber bereits in Menschikis Besitz befindet. Kurzerhand lädt Menschiki Marie und ihre Tante in seine Villa ein, damit sie das Bild betrachten können. Die Ermordung des Commendatore. Band 2: Eine Metapher wandelt sich von Haruki Murakami (Buch und Hörbuch) weiterlesen

Schlaf von Haruki Murakami

„Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.“ (Seite 5)

Die Ich-Erzählerin kennt Zeiten der Schlaflosigkeit, aber ihr aktuelles Nicht-schlafen-Können ist ganz anders als die Schlaflosigkeit, die sie früher plagte, die ihren Tag unaushaltbar machte, die sie belastete und sie in ihrem Alltag massiv einschränkte, da sie nie richtig wach und ausgeruht war.

Diesmal ist ihre Schlaflosigkeit ein Segen, denn die Ich-Erzählerin nutzt die neugewonnenen Stunden zum Lesen, wofür sie schon so lange keine Ruhe und keine Konzentration übrig hatte. Nun wird die alte Leidenschaft erneut entflammt, und die Ich-Erzählerin genießt die Nächte mit Romanen von Tolstoi und Dostojewski, fühlt sich vital, voller Energie und hellwach. Schlaf von Haruki Murakami weiterlesen

Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint von Haruki Murakami (Buch und Hörbuch)

„Hin und wieder kann man in unserem Leben die Grenze zwischen Realität und Illusion nicht richtig ziehen. Die Grenze scheint unablässig in Bewegung zu sein und zu variieren.“ (Seite 291)

Nach der plötzlichen Trennung von seiner Frau, mit der er sechs Jahre zusammen war, verliert der Ich-Erzähler die Orientierung und den Bezug zu sich:

„Und wo soll ich jetzt hin? […] Wie weit ist es mit mir gekommen? Wo bin ich? Und noch dringlicher: Wer bin ich überhaupt?“ (Seite 36).

Er macht sich spontan auf eine mehrmonatige Reise durch Japan und lässt sich danach im Haus des Vaters seines Freundes Masahiko Amada nieder.

Dieses abgelegene Haus steht schon länger leer, da der Vater, Tomohiko Amada, dement ist und in einer edlen Seniorenresidenz lebt. Tomohiko Amada war Maler – genau wie der Ich-Erzähler, der sein Geld mit Porträtmalerei verdient -, und so gibt es in dem abgelegenen Haus, neben vielen Büchern und Schallplatten, einem Garten und einem Schrein, auch ein Atelier.

Nach der Trennung von seiner Frau will der Ich-Erzähler der Porträtmalerei den Rücken kehren und lieber für sich selbst und in seinem eigenen Stil malen. Doch er bringt nichts zustande, ist nicht kreativ, findet nicht zu seinem früheren Können zurück. Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint von Haruki Murakami (Buch und Hörbuch) weiterlesen

Romane und Erzählungen des Magischen Realismus

In diesem Post liste ich eine Auswahl magisch-realistischer Romane und Erzählungen auf. Ich würde mich sehr über Ergänzungen und Empfehlungen in den Kommentaren freuen.

In Klammern habe ich diejenigen Bücher gesetzt, die mir nicht so gut gefallen haben, die ich persönlich also nicht empfehlen kann. Mit einem Sternchen versehen habe ich Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen, zu denen ich mir somit noch keine eigene Meinung gebildet habe. Romane und Erzählungen des Magischen Realismus weiterlesen

Mein Onkel der Jaguar von João Guimarães Rosa

Ein Fremder gelangt eines Tages zur Hütte eines Indios. Der Indio erzählt ihm vom Jaguar, dem Menschenfresser, der drittgrößten Raubkatze der Welt. Er kam in diese Gegend, um die Tiere zu jagen, zu töten, auszurotten und durchlief schließlich eine Transformation. Er sieht den Jaguar nun als seinen Verwandten, will das Geschehene ungeschehen machen, spricht voller Ehrfurcht, Bewunderung und Zuneigung von der größten Katze des amerikanischen Doppelkontinents. Mein Onkel der Jaguar von João Guimarães Rosa weiterlesen

Der Scheiterhaufen von György Dragomán

„was vergangen ist, ist vergangen, sage ich, während ich weiß, dass das nicht stimmt, dass es eine unermesslich große Lüge ist, es ist nicht vergangen, es vergeht nicht“

Die 13-jährige Ich-Erzählerin Emma lebt seit dem Tod ihrer Eltern in einem Internat, wo sie eines Tages von einer unbekannten Frau besucht wird, die sich als ihre Großmutter ausgibt und sie mit zu sich nach Hause nimmt.

Emma wird in der fremden Stadt von ihren Mitschülern gehänselt, bedroht und beschimpft. Mit der Zeit erfährt sie von den Gerüchten, die über ihre Familie erzählt werden, lernt, sich gegenüber ihren Mitschülern durchzusetzen, und findet in ihrer Großmutter eine Vertraute, die ihr schließlich von ihrem eigenen Leben, ihren Verlusten und ihrer Schuld erzählt. Der Scheiterhaufen von György Dragomán weiterlesen

Unheimliche Gesellschaft von Carlos Fuentes

„Kein Latino ist je an Einsamkeit gestorben. Das überlassen wir den Skandinaviern.“

Unheimliche Gesellschaft beinhaltet sechs phantastische Erzählungen (In guter Gesellschaft, Calixta Brand, Die Katze meiner Mutter, Der Theaterliebhaber, Vlad, Die schöne Schlafende), die voneinander unabhängig sind und anfangs stets das Gefühl von Normalität vermitteln, um schließlich eine mehr oder weniger überraschende Wendung zu nehmen. Unheimliche Gesellschaft von Carlos Fuentes weiterlesen

Sputnik Sweetheart von Haruki Murakami

Die 22-jährige Sumire lebt in ihrer eigenen Welt: Sie will Schriftstellerin werden und pflegt ein chaotisches Dasein ohne jede Struktur, ohne Verpflichtung, ohne Bindung. Das weltfremde und romantisch verklärte Leben wird durch die Bekanntschaft mit der 17 Jahre älteren Geschäftsfrau Miu plötzlich beendet. Miu bietet Sumire einen Job an, und Sumire entwickelt zum ersten Mal in ihrem Leben tiefe Gefühle und verliebt sich in Miu. Der Ich-Erzähler ist seinerseits in Sumire verliebt. Eines Tages erhält er einen Anruf von Miu – Sumire ist spurlos verschwunden und Miu bitten ihn um Hilfe. Sputnik Sweetheart von Haruki Murakami weiterlesen

Pedro Páramo von Juan Rulfo (Hörbuch)

„Nein, ich meine das Dorf. Es sieht so einsam aus, als sei es verlassen, als ob da niemand wohnte.“

„Das sieht nicht nur so aus, es ist so. Hier lebt niemand.“

„Und Pedro Páramo?“

„Pedro Páramo ist vor vielen Jahren gestorben.“

Pedro Páramo ist der einzige Roman des mexikanischen Autors Juan Rulfo, der als Wegbereiter des Magischen Realismus gilt. Pedro Páramo erschien in Mexiko bereits im Jahre 1955 und wurde 1958 erstmals von Mariana Frenk-Westheim ins Deutsche übersetzt.

Ich habe den Roman bereits vor mehr als 15 Jahren in der oben genannten Übersetzung gelesen, und ich weiß noch genau, dass ich ihn aufgrund eines Zitats von Gabriel García Márquez auf dem Umschlag gekauft habe:

„Ich konnte nicht einschlafen, bevor ich das Buch nicht zum zweiten Mal gelesen hatte. Ich habe Rulfos Werk nun ganz wiedergelesen, und ich bin wieder das unschuldige Opfer meiner ersten Erschütterung geworden.“ Pedro Páramo von Juan Rulfo (Hörbuch) weiterlesen