Die Wand von Marlen Haushofer (Hörbuch)

„Von allen Seiten kriecht die Angst auf mich zu“

Die Ich-Erzählerin wird von ihrer Cousine und ihrem Mann für ein paar Tage auf deren Jagdhaus in den Bergen eingeladen. Am Abend verabschieden sich die Gastgeber von ihr, um kurz das Dorf zu besuchen, doch sie kommen am Abend und auch in der Nacht nicht zurück.

Am Morgen macht sich die verwunderte und beunruhigte Ich-Erzählerin schließlich zusammen mit dem Hund der Gastgeber auf den Weg ins Dorf, um nach den beiden zu schauen. Da bemerkt sie eine Glaswand, die sie am Weitergehen hindert und die sie von der Außenwelt komplett abschirmt.

Ich habe Die Wand bereits vor vielen Jahren gelesen und nun als gekürztes Hörbuch gehört. Auch in der gekürzten Version haben mich die detaillierte Beschreibungen des Jagdhauses und der Umgebung sowie die authentischen Schilderungen der Gedanken und Gefühle der Ich-Erzählerin voll und ganz überzeugt.

Marlen Haushofers eindringlicher Bericht ermöglicht es, dass man als Leser und Hörer richtig in die Geschichte eintauchen kann, so dass man die klaustrophobe Situation fast hautnah miterlebt – auch wenn man sich bisweilen wünscht, mehr Abstand halten zu können, sich nicht zu sehr in die beängstigende Situation einfühlen und eindenken zu können. Bemerkenswert finde ich dabei vor allem, dass man als Leser und Hörer an keiner Stelle die Existenz dieser Wand in Frage stellt, sondern dass man der Geschichte wie einem Tatsachenbericht folgt.

Haushofer beschreibt die Routine und die besonderen Momente der Ich-Erzählerin, erzählt aber auch von der bedrückenden Einsamkeit, von der Verzweiflung, von dem Bemühen, irgendwie zu überleben, ohne verrückt zu werden, von der Ungewissheit, was die Zukunft bringt. Damit bietet Haushofer meiner Meinung nach auch einen beeindruckenden Einblick in die Erlebniswelt von Menschen mit Depression, die aus ihrer durch die Störung begrenzten Welt nicht ausbrechen können und in ihrer Angst, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit gefangen bleiben.

Elisabeth Schwarz liest das Buch packend und mit passender Intonation, so dass der Text überzeugend vorgetragen wird und dadurch noch gespenstischer ist als ohnehin schon.

Marlen Haushofer: Die Wand. Gekürzte Lesung mit Elisabeth Schwarz. Hörbuch Hamburg, 2007; 9,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Themas „Magischer Realismus“ im August 2017.

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