Die Tigerfrau von Téa Obreht

„Alles liegt tot in seiner Erinnerung, mit Ausnahme der Tigerfrau […]“

Natalia befindet sich gerade in einem Waisenhaus in Südosteuropa, als sie vom Tod ihres geliebten Großvaters erfährt. Um die Umstände seines Todes zu klären und zu verstehen, macht sich Natalia auf den Weg in die Provinz, wohin ihr Großvater kurz vor seinem Tod reiste und wo er schließlich starb, und erinnert sich an ihre eigene Kindheit, die eng mit ihrem Großvater verbunden war, an den Tiger, den sie mit dem Großvater über Jahre hinweg regelmäßig im Zoo besucht hat, und an Ereignisse aus dem Leben des Großvaters, von denen er immer wieder erzählte – vom Mann, der nicht sterben konnte, vom Tiger, der in den Wirren des 2. Weltkriegs aus einem Zoo ausgebrochen war und sich in der Heimat des Großvaters niedergelassen hatte, und von der Tigerfrau.

In langen Sätzen und in sehr bildhafter und anspruchsvoller Sprache beschreibt die Autorin Orte, Personen und Geschehnisse, so dass man sich alles sehr gut vorstellen und ganz in die Geschichte eintauchen kann. Die Verwebung von Fiktion und Realität hat mir sehr gut gefallen. Téa Obreht gelingt, was meiner Meinung nach nicht vielen Autoren gelingt, nämlich ein überzeugender und authentischer Magischer Realismus, der den Leser alle Mythen, die abergläubischen Überzeugungen der Dorfbewohner, die zahlreichen Legenden und eigentlich gänzlich unrealistische Ereignisse glauben lässt.

Gefallen haben mir zudem die Einblicke in die Geschichte des Balkan sowie die verschiedenen Erzählebenen und Zeitsprünge.

Die Tigerfrau ist spannend, amüsant, traurig, skurril, magisch, anspruchsvoll, überzeugend erzählt, meisterhaft konstruiert – und damit ein echtes Leseerlebnis!

Téa Obreht: Die Tigerfrau. Übersetzt von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 2012, 416 Seiten; 19,95 Euro.

Dieser Post ist Teil des Themas „Magischer Realismus“ im August 2017.

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