Das Ministerium des äußersten Glücks von Arundhati Roy

„Weißt du, warum Gott Hijras erschaffen hat? […]“

„Nein, warum?“

„Es war ein Experiment. Er beschloss, etwas zu erschaffen, ein Lebewesen, das erwiesenermaßen unfähig ist, glücklich zu sein. Also erschuf er uns.“

„[…] Wie kannst du so etwas sagen? Ihr seid doch alle glücklich hier! Das ist die Khwabgah! […]“

„Wer ist hier glücklich? Alles nur geheuchelt und vorgetäuscht. […] Hier ist niemand glücklich. Es ist unmöglich.“

Anjum lebt auf dem Friedhof hinter dem staatlichen Krankenhaus: Jede Nacht rollt sie ihren fadenscheinigen Perserteppich zwischen den Gräbern aus, jeden Morgen schließt sie ihn ein und verbringt den Tag mit Besuchern wie dem blinden Imam.

Sie ist das vierte von fünf Kindern, und nach den drei Töchtern hat sich ihre Mutter sehnsüchtig einen Jungen gewünscht. In der Nacht der Geburt ist die Mutter überglücklich, denn ihr Wunsch scheint in Erfüllung gegangen zu sein: Die Hebamme erkennt im Dämmerlicht männliche Genitale, und die Familie freut sich über den erstgeborenen Sohn. Doch bald weicht die Freude tiefer Verstörung, denn Aftab, wie das Kind genannt wird, ist ein Hermaphrodit, wird von seiner Mutter jedoch jahrelang als Junge aufgezogen.

Eines Tages beobachtet Aftab auf der Straße eine Frau, die weiblich aussieht, sich aber freier und selbstbewusster als eine Frau bewegt und verhält. Er ist fasziniert und sieht sie als ein Vorbild, dem er nacheifern möchte. So sucht er ihre Nähe, erledigt Botengänge und verschafft sich so Zugang zum Haveli Khwabgah, wo die von Aftab bewunderte Frau mit sieben anderen Frauen lebt, die allesamt Hijras sind, sich also als Mitglieder eines dritten Geschlechts verstehen. Im Alter von 15 Jahren zieht Aftab selbst in die Khwabgah, unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung und wird zur berühmtesten Hijra Delhis.

Neben der Geschichte um Anjum/Aftab werden noch unzählige andere Handlungsstränge entworfen, die kaleidoskopartig wirken und die zusammengenommen ein komplexes Bild des Subkontinents zeichnen.

Mit dieser fragmentierten Geschichte ist Das Ministerium des äußersten Glücks ganz anders als Arundhati Roys Debütroman Der Gott der kleinen Dinge, den ich vor knapp 20 Jahren mit Begeisterung gelesen und vor ein paar Wochen erneut als Hörbuch gehört habe, um meine Erinnerung aufzufrischen. Auch nach fast zwei Jahrzehnten hat mir Der Gott der kleinen Dinge, der 1997 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, zwar immer noch gefallen, aber meine Begeisterung war im Vergleich zum ersten Lesen etwas abgeflaut, und ich empfand manche Schilderungen im Buch als zu schwülstig. Nichtsdestotrotz war ich sehr gespannt auf den zweiten Roman Roys, der so lange auf sich warten ließ.

Der Einstieg in Das Ministerium des äußersten Glücks hat mir sehr gut gefallen: Die Sprache ist blumig, sehr bildhaft und stimmungsvoll, und die Geschichte um Anjum/Aftab hat mich von Anfang an gefangen genommen und mich nach Indien versetzt. Da ich mich schon sehr viel mit der Geschichte des Landes und dem Hinduismus beschäftigt habe, war mir das von Roy Erzählte oft geläufig bzw. zumindest nicht völlig fremd. Ich bin mir allerdings sicher, dass diejenigen Leser, für die die angeschnittenen Themen noch Neuland sind, größere Schwierigkeiten mit dem Roman haben könnten, da meiner Meinung nach viel Vorwissen vorausgesetzt wird, um der Handlung (zumindest halbwegs) folgen zu können.

Gerade den Einstieg mit den Einblicken in die Kultur der Hijras fand ich spannend und gelungen, denn die beiden ersten Kapitel zeichnen ein opulentes und farbenfrohes Bild der indischen Gesellschaft und stimmen so perfekt auf den Roman ein, machen neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte und auf den Subkontinent.

Sehr gut gefallen haben wir auch die magisch-realistischen Elemente, die bisweilen im Buch auftauchen und vollkommen glaubwürdig wirken, sowie die detaillierten Einblicke in geschichtliche Ereignisse wie den Chemieunfall in Bhopal (An dieser Stelle kann ich auch den großartigen Roman Menschentier von Indra Sinha empfehlen!), den Völkermord in Kaschmir, die Teilung Indiens und Pakistans sowie die Auswirkungen des 11. September 2001, die Sicht auf verschiedene Aspekte des Hinduismus wie das Kastenwesen und die wichtigsten Götter und auf gesellschaftspolitische Themen wie Armut, Rassismus und Gewalt.

Im Verlauf empfand ich das Buch insgesamt jedoch als zu überladen, und für so viele verschiedene Themen, die Roy in ihren Roman einfließen lässt, wirkte Das Ministerium des äußersten Glücks auf mich zu unstrukturiert, so dass ich ich ab dem dritten Kapitel den roten Faden vermisst habe und Roys Erzählstil bisweilen als assoziativ gelockert empfand. Zwar führt die Autorin die Fäden am Ende wieder zusammen, aber auf dem Weg durch die mehr als 500 Seiten habe ich mich mehr als einmal verloren gefühlt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Buch immer wieder Passagen gab, die ich sehr gelungen fand, obgleich ich zum Gesamtwerk an sich kaum Zugang gefunden habe.

Das Ministerium des äußersten Glücks steht zusammen mit 4 3 2 1 von Paul Auster, Exit West von Mohsin Hamid, The Underground Railroad von Colson Whitehead u.a. auf der diesjährigen Longlist des Man Booker Prize. Die Shortlist wird am 13. September 2017 veröffentlicht, der Gewinner wird am 17. Oktober bekannt gegeben.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks. Aus dem Englische von Anette Grube. S. Fischer, 2017, 555 Seiten; 24 Euro.

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